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Berliner Schulkampf : Ist Ursula Sarrazin eine schlechte Lehrerin?

Ein Opfer der Thesen ihres Mannes? Ursula Sarrazin an der Seite ihres Gatten Bild: dpa

Die Grundschullehrerin Ursula Sarrazin ist an ihrer Schule Anfeindungen ausgesetzt. Eltern sollen sich über ihre autoritären Unterrichtsmethoden empört haben. Wird sie zur Rechenschaft gezogen für die Thesen ihres Mannes?

          3 Min.

          Kinder leiden, Kinder weinen, von verbalen Entgleisungen ist die Rede und von Eltern, die keinen anderen Ausweg mehr sehen, als damit zu drohen, ihre Kinder auf eine andere Schule zu geben. Denn dort, wo laut Medienberichten immer mehr – ob drei oder noch mehr oder eher weniger, wird nie klar – Kinder jeden Morgen „mit hängenden Schultern“ hingehen müssen, dort schaltet und waltet Ursula Sarrazin, autoritär, unbeherrscht und unbelehrbar. Glaubt man ihren Gegnern.

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

          Eigentlich ist Ursula Sarrazin Grundschullehrerin, nach eigenem Bekunden sogar gern. Und sie ist durchaus eine von vielen geschätzte Pädagogin. Aber seit das Buch „Deutschland schafft sich ab“ erschien, ist sie für einige erst einmal die Ehefrau von Thilo Sarrazin. Egal, dass viele von dessen Befunden zur deutschen Bildungsmisere unbestreitbar sind: Wer Sarrazin furchtbar findet, schließt nicht zum ersten Mal die Ehefrau in die hysterische Empörung mit ein. So war sie für einige – oder auch viele – Eltern und Lehrer die Frau des Sparsenators, der das überschuldete Berlin angeblich auf Kosten der Bildung sanieren wollte. Schon damals hieß es bei der Lehrergewerkschaft GEW: „Die Kinder schreien, die Eltern flieh’n, da hinten kommt der Sarrazin.“

          Die Nerven liegen blank

          Und so gerät ein schulinterner Konflikt zum Lagerkampf, jedenfalls scheint es so. Konkret wird es selten, und wenn doch, ist es unmöglich, den Kontext zu überprüfen, etwa die Situation, in der Frau Sarrazin Kinder angeschrien, einen Jungen „armseliges Opfer“ genannt und einem anderen schon 2001 eine Blockflöte auf den Kopf gehauen haben soll. Ein Schulrat, der mit ähnlichen Unterstellungen vor einiger Zeit ihre Versetzung erzwingen wollte, musste gehen. Berlins Schulsenator Zöllner hat darauf hingewiesen, dass alle gegen Frau Sarrazin in der Vergangenheit erhobenen Beschwerden keine Grundlage für dienstrechtliche Konsequenzen boten. Die kennen sich halt gut, liest man dazu in lokalen Blättern.

          Ursula Sarrazin verteidigt sich, natürlich, erklärt ihr pädagogisches Ethos und weist darauf hin, dass niemand, dessen Kinder sie unterrichte, bisher bei ihr war, um sich zu beschweren. Zeitungen, die ihre Sicht der Dinge abdrucken, werden, wie jetzt vom „Spiegel“, als Teil einer Kampagne ausgemacht, die das Ehepaar Sarrazin zum Opfer stilisieren wolle. Handfeste Beweise dafür werden nicht geliefert; dafür der Hinweis, dass inzwischen Rechtsradikale die Schule bedrohen. Dort soll das Klima vergiftet sein. Wie man sich das vorstellen muss, ist schwer zu ergründen. Eine grantige Schulsekretärin weigert sich, die Bitte nach einem Gesprächspartner überhaupt anzuhören. „Das interessiert mich nicht!“, schreit sie entnervt ins Telefon.

          Eltern gegen Lehrer

          Als Erster war im aktuellen „Fall Sarrazin“ Günter Peiritsch vom Landeselternausschuss an die Öffentlichkeit gegangen. Ohne Not sprach er von nicht näher benannten „Übergriffen“, berief sich auf den Schulleiter, zu dem weinende Kinder kämen, auch hätten ihn fünf Lehrer auf die „Situation“ angesprochen. Fünf von vierunddreißig. Herr Peiritsch sagt, er kenne die Schule, seine Tochter war dort, aber nicht bei Frau Sarrazin, deren Unterricht er nur vom Hörensagen kennt. Hier handele es sich um „Diensterfüllungsfehler“, also um einen Fall für die Schulaufsicht. Herr Peiritsch sieht sich als „Anwalt der Eltern“, die ihn angesprochen hätten, weil sie Probleme mit einer Lehrerin haben. Dass sie Sarrazin heiße, sei unerheblich, so einem wolle er gar keine Plattform geben.

          Nach zwei Wochen befasst sich das Stadtparlament mit der Causa Sarrazin. Der Schulsenator bedauert in einer Aktuellen Stunde die „Diskussion um Unterrichtsmethoden der Lehrerin“. Der Fall sei alltäglich, es gebe in Berlin „jedes Jahr Hunderte, vielleicht tausend Lehrer, über die sich Eltern beklagen“. Das öffentliche Interesse an dem Fall, sagt er, speise sich allein aus den umstrittenen Äußerungen ihres Mannes. Jetzt hat er den Personalchef seiner Behörde als Schlichter eingesetzt.

          Es hängt viel davon ab, wie diese groteske Affäre beigelegt wird. Viele Lehrer sehen dem Treiben, unabhängig davon, was sie von Sarrazin und seinem Buch halten, mit Befremden zu. Wenn es möglich wird, dass unzufriedene Eltern nur die Medien mobilisieren müssen, um zu ihrem vermeintlichen Recht zu kommen, wird der Schulalltag noch schwieriger, als er es ohnehin schon ist. Seit der Notendurchschnitt als Kriterium für den Wechsel an eines der begehrten Gymnasien großes Gewicht hat, wird allein für dieses Jahr mit einigen tausend Elternklagen gegen Lehrer gerechnet.

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