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Brief aus Istanbul : Wir schweigen nicht und sind doch an der Reihe

  • -Aktualisiert am

In der „Neuen Türkei“, die Erdogan als „fortgeschrittene Demokratie“ bezeichnet, muss man sich ans Staunen und Erschrecken gewöhnen. Bild: AFP

In der „Neuen Türkei“ erwachsen werden: Überlebensregeln von gestern gelten heute nicht mehr. Zweiter Teil einer Briefserie aus einem Land im Ausnahmezustand.

          Wenn Sie in der Türkei als Journalist tätig sind, so gibt es keine Chance, sich vor Putschen, Festnahmen, Haftstrafen zu retten. Vielleicht war es das Buch „Von Panzern aufgeweckt“ über den Militärputsch von 1980, das mich zum Journalismus brachte. Ich war noch fast ein Kind, als ich das Buch des Starreporters Hasan Cemal über die Junta vom 12. September und die damalige Repression gegen Journalisten las. Nach der Lektüre entbrannte in mir die Leidenschaft für diesen Beruf, der auch der meines Vaters war, umso stärker. Ich wurde Journalist. Allerdings dachte ich nicht, dass die Türkei noch einmal von Panzern aufgeweckt werden würde. Wieder einmal hat mein Land mich überrascht.

          „Wenn du schweigst, bist auch du bald dran!“ Der türkische Journalist Bülent Mumay.

          In der Nacht des 15. Juli hallte unser Land vom Dröhnen der Waffen und Kampfjets wider, die das eigene Parlament und die eigene Bevölkerung unter Beschuss nahmen. Das war nachts gegen 23 Uhr. Noch wusste niemand, ob es sich um einen Putsch handelte. Doch die Kampfjets und die Umtriebe in Ankara erinnerten mich an das Buch, das ich als Junge gelesen hatte. Ja, da wurde ein Putsch versucht. Unverzüglich twitterte ich: „Wer mit Wahlen kommt, geht auch mit Wahlen wieder. #NeinZumPutsch.“

          Als plötzlich das Telefon klingelt

          Noch perplex von der Heimsuchung durch den versuchten Staatsstreich des Militärs, von dem wir angenommen hatten, er wäre nie wieder möglich, kamen mir Zeilen aus dem Roman „Hohe Absätze“ von Murathan Mungan, einem der bedeutendsten Literaten der Türkei, in den Sinn: „Was ist schon Müdigkeit des Leibes, die vergeht nach zwei, drei Tagen Erholung, ich aber bin der Heimat müde! . . . Ich bin es müde, jedes Mal aufs Neue zu erschrecken, wenn ich eben glaubte, nichts in diesem Land könne mich noch erschrecken.“

          Noch hatte ich die Erschöpfung und Verblüffung nicht überwunden, da schreckte mich am Montagmorgen eine Nachricht im Internet auf: „42 Journalisten droht wegen Unterstützung des Putsches die Festnahme!“ Noch ehe ich die Einzelheiten lesen konnte, klingelte mein Telefon. Kollegen und Freunde hatten die Meldung gesehen und warnten: „Sie wollen dich wegen Unterstützung Fethullah Gülens und der Putschisten festnehmen!“

          „Schweig nicht!“

          Auf Türkisch gibt es die Redewendung „vor Schreck das Gaumenzäpfchen verschlucken“. Wegen einer Straftat, an die ich nicht einmal im Traum denken würde, soll ich mit meinen 39 Lebensjahren und neunzehnjähriger Berufserfahrung festgenommen werden. In den Minuten, da ich diese Zeilen schreibe, ist mein Anwalt auf dem Weg zum Gericht, um nähere Einzelheiten in Erfahrung zu bringen. Selbstverständlich werde ich zur Staatsanwaltschaft gehen und aussagen, sobald ich die Details kenne. Die Gewahrsamsfrist wurde in der Türkei im Ausnahmezustand soeben auf dreißig Tage verlängert, es ist kaum abzuschätzen, was geschehen wird. Es kann auch ein Haftbefehl ergehen, so dass mir Gefängnis droht. Es ist eine Hexenjagd, Ausgang ungewiss. Gewiss ist nur, dass man den versuchten Staatsstreich zum Vorwand nimmt, um Journalisten unter Druck zu setzen.

          Doch ich muss nun erwachsen werden. Ich muss mich in der „Neuen Türkei“, die Erdogan als „fortgeschrittene Demokratie“ bezeichnet, ans Staunen und Erschrecken gewöhnen. Wir sind reihum dran, erst im vergangenen Dezember hielt ich vor dem Gefängnis von Silivri für den damals inhaftierten „Cumhuriyet“-Chefredakteur Can Dündar Mahnwache. Und vor einem Monat waren wir wegen meines Kollegen, dem „Reporter ohne Grenzen“-Korrespondenten Erol Önderoglu, in Aktion.

          Dabei hatten uns einst die Älteren einen Spruch beigebracht: „Schweig nicht! Wenn du schweigst, bist auch du bald dran!“ Umgekehrt, wir schwiegen nicht, und schon ist die Reihe an uns!

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