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175 Jahre Bertelsmann : Grundgütiges aus Gütersloh

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Im grünen Bereich: Die Bertelsmann Stiftung bewegt sich haarscharf diesseits der Legalität Bild: Bertelsmann Stiftung, Foto: Thomas Kunsch, Bielefeld

Die Bertelsmann Stiftung engagiert sich gemeinnützig. Dabei hilft ihr das Recht, auch Eigennutz als Gemeinnutz darzustellen. Ist das im Sinn aller?

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          Eine operative gemeinnützige Stiftung, so hat es Reinhard Mohn einmal gesagt, gehe an ihre Aufgaben ausschließlich im Sinne des übergeordneten Gesellschaftsinteresses heran. Sie brauche keine Abhängigkeiten zu fürchten. Recht hatte Mohn. Eine Stiftung gehört sich selbst. Sie ist ausschließlich dazu verpflichtet, ihre Zwecke zu verfolgen. Und tut sie dies selbstlos im Dienste der Allgemeinheit, dann genießt sie dafür Privilegien, zum Beispiel bei der Schenkungs-, Erbschafts- und Körperschaftssteuer.

          An der Selbstlosigkeit und Unabhängigkeit von Mohns eigener gemeinnütziger Bertelsmann Stiftung regen sich allerdings Zweifel. Schuld daran ist nicht zuletzt der Münchener Journalist Thomas Schuler. Seit Jahren beschäftigt er sich mit dem Medienimperium Bertelsmann. 2004 hat er eine vielbeachtete Familienbiographie der Mohns geschrieben. Seither analysiert er das Beziehungsgeflecht zwischen Stiftung, Unternehmen, Familie und Öffentlichkeit. Da geht es um die Rolle der Bertelsmann Stiftung in der Medien- und Arbeitsmarktpolitik, um die Aktivitäten des Centrums für Hochschulentwicklung, um das Werben der Stiftung für eine Privatisierung der öffentlichen Verwaltung, aber auch um ihren Einfluss auf die Reform des deutschen Stiftungsrechts im Jahre 2002.

          Unlängst hat Schuler seine Beobachtungen publiziert. „Bertelsmann Republik Deutschland - Eine Stiftung macht Politik“ heißt der Titel seines Buches. Das Fazit ist ernüchternd: Egal, wer in Berlin regiert, die Stiftung aus Gütersloh berät ihn. Alle Türen stehen den spendablen westfälischen Wohltätern und Networkspezialisten offen. Ob bei Sozialreformen, im Gesundheitswesen oder in der Bildungspolitik, gefragt und ungefragt nehmen Stiftungsexperten Stellung im Sinne der Mohnschen Unternehmens- und Familienphilosophie. Aber schlimmer: Weil die Stiftung in Wahrheit zuvörderst auf die Sicherstellung der Kontinuität des Bertelsmann-Konzerns ausgerichtet ist, untergräbt sie zugleich die Grundlagen des Gemeinnützigkeitsrechts, indem sie in erster Linie der günstigen Finanzierung der Mohnschen Unternehmensgruppe dient. Für Schuler hat dies nichts mit selbstlosem Verhalten zu tun. Ohnehin habe Reinhard Mohn sein Konstrukt nicht zuletzt als Vehikel zur Vermeidung von Schenkung- und Erbschaftsteuer genutzt. Man kenne zwar keine genauen Zahlen, aber es sei nicht vermessen, von einem Milliardenbetrag auszugehen. Experten bestätigen das.

          Von zweifelhafter Überzeugungskraft

          Man mag zu Schuler und seinen Thesen stehen, wie man will. Selbstverständlich gilt er bei Bertelsmann als Paria. Für die Recherchen zu seiner Publikation habe er ein Stipendium der Otto Brenner Stiftung der IG Metall erhalten, empört sich Gunter Thielen, der Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann Stiftung. Da meckert ein krawalliger Linker, soll das wohl heißen. Aber wenn Thielen zugleich erklärt, Schulers Buch beziehe sich lediglich auf Projekte, Initiativen und Ereignisse, die Jahre oder sogar Jahrzehnte zurücklägen, so klingt das nach einem seltsam flauen Dementi. Es hat den Anschein, als solle der Ball einstweilen flach gehalten werden. Nichts wird in Gütersloh derzeit offenbar mehr gefürchtet als eine breite Diskussion um das „Modell Bertelsmann“ so kurz vor dem riesigen Fest, das der Konzern zu seinem 175. Jubiläum in der kommenden Woche plant.

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