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12 Jahre nach Srebrenica : Als ich meinen Sohn zuletzt sah

  • -Aktualisiert am

„Jetzt tun alle so, als hätten sie nichts gesehen” Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Im bosnischen Srebrenica sucht man auch zwölf Jahre nach dem Fall der Schutzzone noch nach den Überresten von Opfern der Serben. Manchmal ist ein Finger alles, was gefunden wird. Die Wunden des Massakers sind noch immer allgegenwärtig.

          Wer in das Tal von Srebrenica kommt, den umfängt Stille. Häuserruinen weisen der fast schnurgeraden Straße den Weg. Aus dem Nebel taucht das Gerippe einer Fabrik, dann ein riesiges Feld aus weißen Stelen und frischen Grabhügeln mit Holzkreuzen auf: Das ist die Gedenkstätte Potocari, ein riesiger Friedhof, gebaut für die rund achttausend Menschen, die hier, auf den Wiesen und in der alten Fabrik, in Sporthallen, leergeräumten Warenhäusern und in den umliegenden Wäldern, im Jahr 1995 von Radko Mladics Armee der Republik Srpska erschossen und erschlagen worden sind. Vergeblich hatten sie auf den Schutz der Vereinten Nationen gehofft.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Gespenstisch hallen die Schritte in den Räumen des Gebäudes, in dem damals die UN-Mission untergebracht war. Von den Wänden, an denen noch Graffiti-Zeichnungen der niederländischen Blauhelme zu sehen sind, blättert Putz. Serbien liegt gleich hinter den Hügeln.

          Ein guter und lieber Junge

          Ihr Sohn habe die gleichen roten Wangen wie sie gehabt, sagt die kleine Frau mit Kopftuch, die gegenüber dem Mahnmal Blumen verkauft. Ein guter und lieber Junge sei er gewesen. Versunken in die Erinnerung an ihr Kind huscht ein Lächeln über das Gesicht der Frau - ganz kurz nur, doch lange genug, dass es schmerzt. An dem Augenblick, als sie ihren Sohn und ihren Mann das letzte Mal sah, hält sie sich wie an einem Anker fest: Im Juli 1995, nachdem der holländische Kommandant Thomas Karremans die ihm unterstellte UN-Sicherheitszone von Srebrenica an Mladic übergeben hatte, sei das gewesen.

          Achttausend Tote, erschossen und erschlagen

          Ihr Mann und ihr Sohn brachen damals zusammen mit rund sechstausend anderen Männern und Jungen auf, um zu Fuß durch Berge und Wälder in die benachbarte Sicherheitszone von Tuzla zu gelangen.

          Bis zum Bersten mit Flüchtlingen gefüllt

          Es herrschte Chaos und Verzweiflung in der Stadt, Srebrenica war bis zum Bersten mit Flüchtlingen aus der ganzen Region gefüllt. Bis zuletzt habe ihre Familie daran geglaubt, hier vor dem Krieg sicher zu sein, erzählt die Frau. Doch dann strömten die Serben ganz einfach in die Stadt. „Jetzt ist die Zeit gekommen, sich an den Türken zu rächen“, sagte Mladic seinerzeit in eine der Fernsehkameras, die man ihm entgegenhielt, als er das Herz von Srebrenica erreichte.

          Die in der Stadt verbliebenen bosnischen Soldaten ahnten, was den Menschen bevorstehen würde und flüchteten. Aufgeschreckt folgten ihnen Väter mit ihren Söhnen und junge Männer. Zuletzt brachen die Alten und Kranken auf. Von den Menschen, die sich auf den fünftägigen Fußmarsch machten, überlebten nur wenige Hundert. Alle anderen wurden in den Wäldern von serbischen Soldaten, Milizionären und Polizisten abgefangen und massakriert.

          Pilgermarsch zu jedem neuen Massengrab

          Diejenigen, die in Srebrenica geblieben waren, suchten rund um das Lager der Blauhelme Schutz. Die Männer und Jungen im Alter von zwölf bis siebenundsiebzig Jahren wurden dort später von Mladics Armee zum Töten selektiert. Ihr Sohn und ihr Mann müssten in der zweiten Gruppe gewesen sein, die sich auf den Weg nach Tuzla machte, meint die Frau vom Blumenstand. Sie habe die beiden noch bis zu einer Böschung am Waldrand begleitet, doch dann trennte eine Welle aus Menschen die Familie. „Das Letzte, was ich von ihm sah, war das Profil seines Gesichts“, sagt die Frau. Beerdigen konnte sie Mann und Sohn nicht. Die Körper wurden nicht gefunden.

          Jedes Mal, wenn ein neues Massengrab geöffnet wird, pilgert sie zusammen mit den „Witwen und Müttern von Srebrenica“ dorthin - die Frauen haben sich unter diesem Namen zusammengeschlossen. Nur dreitausend Opfer konnten sie bis jetzt in Potocari zur letzten Ruhe betten. Wenn eines Tages die letzten Toten geborgen sein werden, sagen die Menschen in Bosnien, finden auch die Seelen der Überlebenden endlich Frieden.

          „Ihre Enttäuschung ertrage ich nicht“

          Murat Hurtic steht in einem Buchenwald, nur wenige Kilometer von Srebrenica entfernt, und fuchtelt mit seinem Schirm. „Wenn die Frauen kommen, versuche ich, nicht hier zu sein. Ihre Enttäuschung, wenn keiner ihrer Verwandten unter den Toten ist, ertrage ich nicht“, sagt der Leiter einer Gruppe von Forensikern, Anthropologen und Kriminologen, die die Opfer exhumieren. Hurtic hat das wettergegerbte Gesicht eines Mannes, der unter freiem Himmel arbeitet. Seine Gummistiefel sind bis oben hin mit Matsch verschmiert.

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