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Debatte : Wir danken der Akademie

Verschlossen: die Baustelle der neuen Akademie Bild: dpa

Jeder ist davon überzeugt, daß die Akademie der Künste etwas ungemein Wichtiges darstellt - aber niemand weiß, wozu es sie eigentlich gibt. Um heute noch gehört zu werden, müßten ihre Mitglieder länger schweigen.

          5 Min.

          Das aufgeregte Flügelschlagen um die Akademie der Künste und ihren Neubau am Pariser Platz, das immer weitere Hinauszögern der Fertigstellung, der plötzlich auftauchende Schimmelpilz im Keller, das Hinundhergezerre um Kosten und Vertragsbedingungen, das auch mit der direkten Bauaufsicht durch den Berliner Senat wohl lange noch kein Ende hat, all dies zeigt zweierlei: Jeder ist davon überzeugt, daß die Akademie der Künste etwas ungemein Wichtiges, Bedeutendes, Dringliches darstellt - aber niemand weiß, wozu es sie eigentlich gibt.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Auf der einen Seite will sich keiner dabei ertappen lassen, zuwenig für die traditionsreiche Institution zu tun, auf der anderen fehlt für den politischen Willen, in Zeiten der Knappheit tatsächlich Geld und Mühe in sie zu investieren, offenkundig die Vorstellung, wozu man sie braucht. Es liegt eine gewaltige Verlegenheit über dem ganzen Vorgang.

          In typischen Trachten

          Die 1696 gegründete Akademie, die mal eine Königliche, mal eine Preußische, schließlich auch eine der DDR war, ist zweifellos ein so ehrenwertes Mitglied der Kulturgesellschaft, daß es sich keine Regierung der Stadt oder des Staats leisten kann, sie zu vernachlässigen. Vom nächsten Jahr an wird der Bund für die laufenden Betriebskosten aufkommen, und schon seit langem ist ausgemacht, daß die Wiedereröffnung am Pariser Platz mit großer Feierlichkeit begangen werden wird (der Filmregisseur Volker Schlöndorff hatte sogar vorgeschlagen, daß eine lange Prozession der Mitglieder in typischen Trachten ihrer Künste durch das Brandenburger Tor ziehen sollte).

          Doch unterdessen hat sich die Kulturgesellschaft selbst entscheidend verändert. Nicht nur ihr Umfang, auch die Perfektion ihres Betriebs ist so immens gewachsen, daß die Akademie heute nur mehr als ein Veranstaltungsort unter vielen wahrgenommen wird: Vor den Maßstäben des professionalisierten Kulturmanagements sind alle gleich. Die oft durchaus gelungenen Ausstellungen, Lesungen und Konzerte, die vom Mitarbeiterapparat der Akademie - nicht von den Mitgliedern - organisiert werden, unterscheiden sich in nichts von den vielen anderen Kulturereignissen, die in Berlin angeboten werden.

          Künstler als willkommenes Material

          Und auch bei den Diskussionen der Mitglieder läßt sich heute schwer etwas Spezifisches entdecken. Auch außerhalb der Akademie werden Künstler und Intellektuelle ja gern zu allen möglichen Wortmeldungen herangezogen. Stets sind sie willkommen als Material für die wechselnden Inszenierungszwecke der Öffentlichkeitsarbeiter und Kuratoren, die die wirklichen Herrscher des kulturellen Lebens sind. Ihre Gegenstände sind für gewöhnlich eng mit den jeweils aktuellen Themen der öffentlichen Meinung verflochten, so daß ein geschlossener Zirkel mit immer gleichen Stichworten entsteht. In diesem Rahmen drohen noch die kritischsten oder originellsten Stellungnahmen, kaum daß sie geäußert sind, zu Spielmarken im Zirkus des schon Bekannten neutralisiert zu werden.

          Diesem Verschleiß der öffentlichen Debatte hat die Akademie bisher nichts Eigenes entgegengesetzt. Oft reproduziert sie das Talkshow-Muster noch selbst, indem sie ihre öffentlichen Diskussionen von einem Journalisten moderieren läßt. Wenn denn aber wirklich einmal Mitglieder der Akademie bei einem Thema aneinandergeraten, wie kürzlich Ivan Nagel und György Konrád über den Irak-Krieg, dann findet diese Diskussion gleich in der Zeitung statt. Bezeichnenderweise waren die Vereinigungsquerelen zwischen Ost- und West-Akademie das letzte große Ereignis, mit dem die Institution als Ganzes größere Aufmerksamkeit erregte. Da fand ein nationales Thema, die Nachwehen der deutschen Teilung, einen spezifischen institutionellen Ausdruck.

          Kein eigener Zugang

          Zu den Themen aber, die die Welt heute bewegen, von Kriegslegitimationen bis zur Konfrontation der Kulturen, hat die Akademie offenbar noch keinen eigenen Zugang gefunden, der die vertrauten Lager und Kategorien hinter sich ließe. Den einzelnen Mitgliedern kann man das kaum zum Vorwurf machen und erst recht nicht den Präsidenten; sowohl György Konrád als auch Adolf Muschg haben stets, unbekümmert um die üblichen Beschränkungen der politischen Opportunität, mit großer Eindringlichkeit ihre persönliche Autorität in die Waagschale geworfen, wo immer sie das für notwendig hielten.

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