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Debatte um Theaterstrukturen : Der Übergang zur PR-Maschine

  • -Aktualisiert am

Steht derzeit heftig in der Kritik: Shermin Langhoff, die Intendantin des Berliner Maxim-Gorki-Theaters Bild: dpa

Nicht nur die überkommene Machtstruktur beschwert das Theater der Gegenwart, sondern vor allem auch die ungeheure Moralmonstranz, die es vor sich herträgt.

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          Soeben ist das Theaterbuch der Stunde erschienen. Es heißt „Theater und Macht“, ist von der Heinrich Böll Stiftung herausgegeben und verspricht als kostenloser Download „Überlegungen am Übergang“. Übergang wohin? Vom machtkonzentrierten Intendantenmodell hin zu einem vielfach geteilten System der Mitbestimmung. Was dem jetzt noch im Wege steht, wird schon aus den Kapitelüberschriften klar: „Patriarchendämmerung“ ist ein Abschnitt übertitelt, ein anderer fordert: „Keine Captains“, und ein Kapitel fragt rhetorisch „Wer ist hier der Boss? – Machtgebrauch in der Kulturpolitik am Beispiel Berlin“. Dass hier konsequent nicht gegendert wird, hat wohl vor allem mit der Vorstellung zu tun, dass Macht und deren Missbrauch per se männlich konnotiert seien.

          Die Veröffentlichung des Diskursbandes geschieht aber unglücklicherweise genau zu einem Zeitpunkt, an dem diese Voraussetzung in Frage gestellt wird. Mit mitunter etwas wohlfeiler Genugtuung haben Medien in den vergangenen Tagen über verbale und körperliche Entgleisungen der Intendantin des Berliner Maxim-Gorki-Theaters berichtet. Es herrsche an ihrem Haus ein toxisches „Klima der Angst“, Shermin Langhoff brülle regelmäßig Menschen zusammen und werde übergriffig. Zuletzt hatte eine junge Dramaturgin wegen „Maßregelung und Diskriminierung“ durch die Intendantin geklagt, weil sie den Grund für die Nichtverlängerung ihres Vertrags in ihrer Unterstützung für einen Beschwerdebrief sah, der Langhoff Mobbing und Machtmissbrauch vorwarf. Zumindest dieser Streit endete jetzt mit einem Vergleich.

          Lederer zögert noch

          Aber die Frage bleibt, ob die Ende letzten Jahres durch Kultursenator Klaus Lederer stolz verkündete Verlängerung des Vertrags von Langhoff um weitere drei Jahre vielleicht etwas vorschnell war. Und ob er an einem Haus, das wegen seiner selbstbewussten identitätspolitischen Forderungen weit über den Betrieb hinaus mit Ehrfurcht betrachtet wird, weggeschaut hat, als ihn schon 2019 Beschwerden von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern erreichten.

          Als unlängst der Interimschef der Volksbühnen Klaus Dörr in einem Medienbeitrag wegen erotischen Fehlverhaltens angeklagt wurde und zurücktrat, zögerte Lederer nicht lange, bevor er an die Öffentlichkeit trat. In der Causa Langhoff ist von ihm bislang nichts zu hören. Auf Anfrage dieser Zeitung lässt er schmallippig mitteilen, dass bereits ein Mediationsprozess stattgefunden habe, der im November 2020 abgeschlossen worden sei.

          Auf dem Weg zu PR-Maschinen

          Dass die Probleme am Gorki-Theater dadurch aber nicht gelöst wurden, scheint mittlerweile offensichtlich. Wobei die Frage wäre, ob es überhaupt irgendwo auf der Welt ein Theater gibt, an dem solche Probleme nicht auftreten. Mithin beschwert das Theater weniger seine Machtstruktur als die ungeheure Moralmonstranz, die die Bühnenhäuser im Moment vor sich hertragen. Sie sind dabei, sich von dialektischen Schauräumen des ästhetischen und politischen Denkens zu moralpolitischen PR-Maschinen zu verwandeln. Das ist der eigentliche Übergang.

          Simon Strauß
          Redakteur im Feuilleton.

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