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Debatte um Tariq Ramadan : Entlassung wegen unangemeldeter Nebentätigkeit

  • -Aktualisiert am

Sieht sich als Opfer: Tariq Ramdan Bild: AFP

Die Entlassung Tariq Ramadans, der sich als Modernisierer des Islam begreift und eine von der iranischen Regierung finanzierte Fernsehsendung moderiert, hat eine heftige Debatte entfacht. Er selbst scheint Ahmadineschads Medienleute für toleranter als die erzliberale Rotterdamer Elite zu halten.

          Darf ein europäischer Intellektueller für das iranische Fernsehen arbeiten? Der umstrittene Sozialphilosoph Tariq Ramadan, Verfechter einer Modernisierung des Islams in der westlichen Gesellschaft, hat genau diesen Spagat versucht: Seit 2007 lehrte er als Gastdozent der Rotterdamer Erasmus-Universität „Identität und Bürgergeist“ und beriet die Stadt Rotterdam in multikulturellen Fragen. Gleichzeitig moderierte Ramadan von einem Studio in London aus eine Gesprächssendung in „Press TV“, einem englischsprachigen Sender, der fast komplett von der iranischen Obrigkeit finanziert wird. Eine der beiden Funktionen kann der Brückenbauer von eigenen Gnaden nun nicht mehr fortführen: Sowohl der Verwaltungsrat der Erasmus-Universität als auch die Rotterdamer Gemeindeverwaltung haben ihn letzte Woche fristlos entlassen und dadurch eine heftige Debatte losgetreten.

          Autoren der globalen Islamkritikerszene stilisieren Tariq Ramadan, den in der Schweiz aufgewachsenen Enkel von Hassan al-Banna, dem Gründer der ägyptischen Muslimbruderschaft, zur Symbolfigur für die Gefahr des verkappten Islamismus. Die französische Laizistin Caroline Fourest hat ihn in ihrem Buch „Frère Tariq“ bezichtigt, mit gespaltener Zunge zu sprechen, vor Muslimen den Kampf gegen die westliche Dekadenz zu predigen und im Westen den Frieden. In Amerika hat der „liberale Falke“ Paul Berman die wohlwollende Würdigung Ramadans durch Ian Buruma als Exempel selbstzerstörerischer Toleranz gedeutet. Andererseits genießt Ramadan seit 2005 den Status eines Gastforschers am St Antony’s College in Oxford, einer Pflanzstätte des aufgeklärten Internationalismus. Und im katholischen Herder-Verlag erschien jüngst eine schwärmerische populäre Biographie.

          Die Toleranz der Rotterdamer Elite

          An Ramadans Lehrtätigkeit hat die Erasmus-Universität denn auch nichts auszusetzen. Ausdrücklich geht es um den mittelbaren Kontakt zu einem Regime, das spätestens seit den Unruhen während der Wahlperiode „viele Bürger, vorzugsweise Studenten“ blutig unterdrückt. Diverse Mitarbeiter haben deshalb seither bei Press TV gekündigt. Da aber Ramadan weiter moderieren will, wird ihm seine journalistische Tätigkeit als Unterstützung des brutalen Ahmadineschad-Regimes ausgelegt. Ramadan, der die Niederschlagung des Studentenaufruhrs in Iran scharf kritisiert hatte, weist auf den freien Charakter seiner Sendungen hin. Bei ihm hätten „Atheisten, Rabbiner, Frauen mit und ohne Kopftuch“ ihre Meinung sagen können; redaktionelle Vorgaben von der iranischen Obrigkeit gebe es nicht. Und Ramadan, der ironisch an den florierenden Handel der Niederlande mit Iran erinnert, beharrt auf seinem Konzept der geduldigen Modernisierung islamischer Gesellschaften. Er unterstellt so Ahmadineschads Medienleuten implizit eine größere Toleranz als der erzliberalen Rotterdamer Elite: „Die Kontroverse besagt mehr über den besorgniserregenden Zustand der niederländischen Politik als über meine Person.“

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