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Debatte um Blasphemieverbot : Manchen drohte gar eine Hinrichtung

  • -Aktualisiert am

Demonstranten fordern die Freilassung des Mannes, der den pakistanischen Gouverneur und Gegner des Blasphemiegesetzes Salman Taseer ermordet hat Bild: dapd

Gottes Ehre und die Lust an der Lästerung im Christentum: Der Ruf nach Blasphemieverboten in historischer Perspektive.

          Jahrzehntelang führte der Paragraph 166 des Strafgesetzbuches ein Schattendasein. 1969 war im Zuge der Strafrechtsreform der Begriff der Lästerung Gottes aus diesem Paragraphen entfernt worden. Nun aber wird ein Blasphemieverbot wieder verstärkt eingefordert, vom Bamberger Erzbischof Schick ebenso wie von Martin Mosebach. Der Schriftsteller empfahl die Bestrafung von Gotteslästerungen gleichsam als Frischzellenkur für die moderne Kunst. Es sei für das soziale Klima förderlich, wenn „Blasphemie wieder gefährlich wird“.

          Was ist Blasphemie? Im alttestamentarischen Judentum und im Islam, so Robert Spaemann in dieser Zeitung (F.A.Z. vom 26. Juli), werde die Ehre Gottes geschützt. Unter Strafe stehe die Beleidigung der göttlichen Person, eine Beleidigung, die Theokratien nur mit der Höchststrafe ahnden könnten, denn jede geringere Strafe sei selbst Gotteslästerung. Bei den duldsamen Christen bedürfe Gott dagegen keines Schutzes.

          Vom Teufel geholt

          Mosebach ist in diesem Punkt offensiver, er sieht eine Pflicht jenes Staates, dessen Grundgesetz nach der Präambel auch auf Gott gebaut worden war, diesen vor Schmähungen zu bewahren. Damit steht er der alteuropäischen Tradition näher als Spaemann. Denn jahrhundertelang, vom Mittelalter bis ins achtzehnte Jahrhundert hinein, war der Schutz der göttlichen Ehre der Kern aller Gesetzesnormen gegen Blasphemie. Es war ein sehr menschlich gedachter Gott, dessen Ehre hier verteidigt wurde, ein Gott, der beschimpft und mit sexuellen Anspielungen herabgesetzt wurde und dessen Bilder mit Messern attackiert wurden, ein Gott umgekehrt, dessen Vergeltung die ganze Gemeinschaft zu vernichten drohte, wenn sie den Lästerer nicht entschlossen bestrafte.

          Nicht selten, so erzählten die Exempel der Prediger, nahm der Schöpfer die Rache auch selbst in die Hand, so dass Lästerer mit blau gefärbter Zunge verendeten oder vom Teufel geholt wurden. Die Gesetze gegen Gotteslästerung prangerten dieses Vergehen tatsächlich als das schlimmste aller Verbrechen an und drohten mit Strafen bis zur Hinrichtung.

          Verbale Kraftmeiereien

          Erst in der Aufklärung sollte sich das grundlegend wandeln. Revisionisten wie dem Naumburger Juristen Adam Voigt erschien um 1800 die traditionelle anthropomorphe Gottesvorstellung als völlig unvereinbar „mit einer gereinigten philosophischen Erkenntnis von dem höchsten Wesen“. Der Zorn über eine Beleidigung trage Züge einer irdischen Natur und sei mit der unendlichen Größe Gottes unvereinbar. Die Vorstellung eines rechtlichen Ehrschutzes für den Schöpfer, so die Konsequenz dieses Arguments, ist selbst blasphemisch, insofern sie dessen Allmacht und Unermesslichkeit in Frage stellt. Was Spaemann als genuin christlich versteht, ist historisch mithin die Frucht einer Entzauberung der Welt.

          Jahrhundertelang waren blasphemische Schwüre, Flüche und Lästerungen allerdings Teil des Alltags. Dabei kam die Herabsetzung vorwiegend nicht von Außenstehenden, es handelte sich um eine innerchristliche Angelegenheit. Gelästert und geflucht wurde vor allem unter Männern, mit Vorliebe im Wirtshaus oder beim Spiel. Oft handelte es sich um verbale Kraftmeiereien im Kontext von gewalttätigen Auseinandersetzungen, bei denen das Heilige oft nur beiläufiges Objekt war, dessen Herabsetzung das menschliche Gegenüber beeindrucken sollte.

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