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Debatte in England : Ist man zu duldsam mit den Predigern des Hasses gewesen?

  • -Aktualisiert am

London am Tag nach dem Attentat Bild: EPA/REX/Shutterstock

Die Premierministerin fordert mehr Robustheit im Umgang mit dem radikalen Islam, die „Prevent“-Strategie steht auf dem Prüfstand. Nach dem Attentat in London streitet England über die richtige Antiterror-Strategie.

          Drei Tage nach dem Bombenanschlag in Manchester wollte der ehemalige Staatsanwalt Nazir Afzal in der wöchentlichen BBC-Sendung „Question Time“ auftreten, in der sich namhafte Figuren aus der Politik und dem öffentlichen Leben Fragen des Studiopublikums zu aktuellen Themen stellen. Der in Birmingham geborene Muslim pakistanischer Herkunft hat sich als engagierter Bekämpfer der im Namen des Islam begangenen Missbräuche von Genitalverstümmelung bis zum Terrorismus hervorgetan. Als die Einladung zur Teilnahme an „Question Time“ kam, war Afzal Geschäftsführer Verbands der Polizeikommissare in England und Wales, der sich für nationale Strategien zur Verbrechensbekämpfung einsetzt.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Der Verbandsvorstand, in dem alle politischen Parteien vertreten sind, hielt den Auftritt in Hinblick auf den Wahlkampf für unangemessen, weil umstrittene Aspekte der Polizeiarbeit in der Diskussion mit Politikern zur Sprache kommen könnten. Afzal hielt jedoch an seiner Überzeugung fest, dass er als Fachmann für die Bekämpfung der Radikalisierung britischer Muslime geradezu verpflichtet sei, sich öffentlich zu äußern. Er legte seinen Posten nieder, um an der Sendung teilzunehmen.

          Studenten beantragen Boykottierung

          Die Einstellung des um die Kompromittierung seiner politischen Unabhängigkeit fürchtenden Verbands ist symptomatisch für eine Überempfindlichkeit im Umgang mit dem radikalisierten Islam, die Afzal des öfteren moniert hat, zuletzt in einem Gespräch mit der „Times“ am Tag des jüngsten Londoner Terrorvorfalls. Als Hauptstaatsanwalt für den Nordwesten war Afzal maßgeblich beteiligt an der Strafverfolgung von Männern größtenteils pakistanischer Herkunft, deren systematischer Missbrauch anfälliger Problemkinder aus der weißen Unterschicht im Großraum Manchester jahrelang unter den Teppich gekehrt worden war, bis die „Times“ begann, die „Verschwörung des Schweigens über die Sex-Ringe“ in Nord- und Mittelengland aufzudecken. Der für britische Werte einstehende muslimische Jurist gehört zu denen, die den Behörden vorwerfen, im Klima der politischen Korrektheit ein Auge zuzudrücken, aus Sorge, dass man sie des Rassismus bezichtigen könnte.

          Dieses Klima hatte wohl auch die Premierministerin im Sinn, als sie am Wochenende bemängelte, dass die Briten zu duldsam gewesen seien gegenüber der „bösen Ideologie des islamischen Extremismus, der den Hass predigt, Spaltung sät und Sektiererei fördert“. Theresa May verband die Forderung nach mehr Robustheit im öffentlichen Sektor und der Gesellschaft bei der Erkennung und Ausmerzung des radikalen Islam mit der Einsicht, dass „schwierige und oft peinliche Gespräche“ unumgänglich seien. Die Ideologie könne nur besiegt werden, wenn man den Menschen begreiflich machen könne, dass die pluralistischen britischen Werte allem überlegen seien, was die Prediger des Hasses zu bieten hätten.

          Wie groß diese Herausforderung ist, zeigt die Kritik an der sogenannten „Prevent“-Strategie der Regierung zur Bekämpfung der islamistischen Radikalisierung durch vorbeugende Maßnahmen in der Gemeinschaft. Seit 2015 stehen bestimmte Behörden, darunter die Polizei, Gefängnisse, Kommunalverwaltungen, Schulen und Hochschulen in der Pflicht „zu verhindern, dass Personen in den Terror hineingezogen werden“. Der Initiative wird jedoch immer wieder unterstellt, dass sie einer Kultur der Bespitzelung britischer Muslime Vorschub leiste und die freie Meinungsäußerung geißele. In diesem Sinne hat die Studentengewerkschaft der Universität Salford, an der Salman Abedi, der Attentäter von Manchester, studierte, einen Antrag zur Boykottierung von „Prevent“ verabschiedet. Die Studenten, so die Resolution, sollten lieber über die Gefahren der Strategie aufgeklärt werden.

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