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Debatte in Berlin : Würde die Afghanin uns wählen?

  • -Aktualisiert am

Lud zur Diskussion: Harald Welzer Bild: picture-alliance / dpa

Wenn zehn deutsche Intellektuelle Chancen und Blockaden europäischer Demokratie in der Krise bedenken, sind sie sich oft einig - aber nicht beruhigt.

          Sie haben sich am Morgen des vierten Advent im Berliner Haus der Kulturen getroffen, um unsere Demokratie zu retten: zehn Intellektuelle - Harald Welzer, der sie eingeladen hat, würde „Deutungseliten“ sagen -, drei Wissenschaftler, vier Journalisten, ein Autor, ein Schriftsteller und ein Filmemacher. Carolin Emcke, Franziska Augstein, Friedrich von Borries, Julia Encke, Romuald Karmakar, Nils Minkmar, Ingo Schulze, Joseph Vogl, Roger Willemsen und eben Welzer. Was für ein Europa wollen wir? Wie kann es demokratisch sein?

          Die Journalistin Carolin Emcke fasste eingangs den Wahnsinn der vergangenen vier Jahre zusammen, resümierte Europa als „Idee ohne Eigenschaften“, frei nach Musil, und forderte, dass wir Demokratie wieder im Sinne von Rousseau verstünden, als selbstbestimmte Gemeinschaft, die die Betroffenen beteilige. Davon könne zurzeit keine Rede mehr sein. Franziska Augstein stimmte zu: Die Politiker der Europäischen Union hätten den Bürgern von vornherein nichts zugetraut; sie verhielten sich wie eine autoritäre Gouvernante. Augsteins Forderung: Die Politiker müssten sich wieder darauf besinnen, dass sie Vertreter des Volkes seien.

          Inhalte durchwoben von Marketingstrategien

          Vorwürfe hatten die Redner bis dato bereits viele gesammelt. Dann machte sich Designtheoretiker Friedrich von Borries auf einen Nebenweg, der jedoch das Herz der Debatte trifft: Alle Inhalte sind heute durchwoben von Marketingstrategien, selbst politischer Widerstand ist ununterscheidbar von Jeanswerbung und umgekehrt: „Change starts with you!“ „Überleben werden die Dinge, die wir kaufen“ - ist der Slogan unserer Konsumwelt. Man solle sich, so Friedrich von Borries, nicht dem Angebot unterwerfen, sondern sich selbst entwerfen, auch politisch - agieren statt reagieren. Julia Encke, Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, nahm dieses Thema auf, indem sie über die Sachzwänge der Politik sprach und bemängelte, dass nur noch gefragt würde: „Was brauchen die Märkte“ statt: „Brauchen wir die Märkte?“

          Drastische Worte fand der Schriftsteller Ingo Schulze: Es werde Kaffee serviert, da sei Pisse drin, aber man bekomme dann auch noch gesagt, sie sei schön warm und steril. Sprachsensibel ekelte er sich vor offiziösem Faseldeutsch wie „Wachstumsbeschleunigungsgesetz“. Seine Folgerung: „Jagt die Lobbyisten aus dem Haus, Politiker, verlasst die Aufsichtsräte der Firmen!“ Nils Minkmar, Redakteur dieser Zeitung, berichtete vertiefend von einem Ausflug auf den EU-Rettungsgipfel: „Ein Raum, Kommissionspräsident José Manuel Barroso und der EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy treffen sich dort, beide sprechen sich als Präsident an, Sie zuerst, Herr Präsident, nein, Sie, Herr Präsident.“

          Zurückversetzen in die Unbedarftheit der Pubertät

          Minkmar entfaltete daraus die Diagnose einer sich in Formalien verflüchtigenden persönlichen Verantwortung. Um die Wahrheit zu erkennen, begann Harald Welzer mit seinen Überlegungen, lohne es, sich in die Unbedarftheit der Pubertät zurückzuversetzen. Anhand einer Studie der ETH Zürich habe er begriffen, dass die nachpubertäre Kompliziertheit der Welt überschätzt werde: Die Studie besagt, dass 147 Unternehmen unsere globale Gesellschaft beherrschen, unter den ersten fünfzig nur Finanz- und Versicherungsunternehmen und ein Unternehmen der Mineralölwirtschaft. Mit fünfzehn schon habe er gedacht, genau so sei es.

          Man war sich weithin einig: Politik darf sich nicht an Sachzwänge verlieren (Encke), lebensgestalterischer Mut sei nötig (von Borries), den „selbstgemachten Überraschungen“ (Joseph Vogl) von Markt und Politik müsse man misstrauen.

          Das Unisono bot wenig Brüche, zum Schluss aber intervenierte Roger Willemsen: Die Kernfrage nach unserem Verhältnis zur Demokratie sei nicht scharf genug gestellt worden. Er habe in der kritischen Auseinandersetzung die Forderung nach einem Systemwechsel erkennen können. Er jedenfalls könne sich hier nicht hinstellen und die Demokratie feiern, denn sie sei an ihre Grenze gekommen. In Afghanistan habe er eine junge Frau getroffen, die über alle Hürden hinweg für Demokratie gekämpft habe und dann doch der Wahl ferngeblieben sei - die Machthaber wechselten, die Macht bleibe sich gleich. Können wir Europäer da widersprechen?

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