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Debatte : Die Akademie dankt

  • -Aktualisiert am

Verteidigt die Akademie: Adolf Muschg Bild: dpa

„Wir danken der Akademie. Aber wofür?“, hieß es in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über die Akademie der Künste, die in der Sinnkrise stecke. Jetzt antwortet der Präsident der Akademie, der Schriftsteller Adolf Muschg.

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          Unter dem Titel "Wir danken der Akademie. Aber wofür?" fragt Mark Siemons in der F.A.Z. vom 26. August mit wohlwollender Ironie nach der Relevanz einer Institution, die mit dem historischen Anspruch, die Kultur zu repräsentieren, entweder in ein skurriles Abseits gerät - oder aber in eine so große Gesellschaft professioneller Kulturveranstalter, daß sie ihn selbst ad absurdum führen muß. Es ist ja wahr: So recht konkurrenzfähig will eine ehrwürdige Sozietät, deren Markenzeichen ihre Zweckfreiheit ist, im Zeitalter des Kosten-Nutzen-Kalküls und der Erfolgskontrolle nicht aussehen. Immerhin: Daß der Staat verspricht, den "Geist" vor der "Macht" zu schützen und ihn gewissermaßen vorsorglich aushält (in mehr als einem Wortsinn), ist auf dem Hintergrund der deutschen Geschichte nichts Geringes.

          "Wer zahlt, schafft an": Diese Spruchweisheit soll in diesem Fall nicht gelten, weil der Zahler das Produkt, das er erwartet, nur unter der Bedingung bekommt, daß er dem Produzenten keine Bedingung stellt. Aber was ist das für ein Produkt? Fragen wird er ja noch dürfen - und erwarten, daß es sich die Akademie selbst fragt. Und zwar radikal - denn eben dafür wurde sie eingerichtet. Auch in dieser Hinsicht ist Siemons' Artikel hilfreich.

          Entdeckerkompetenz

          Das Produkt einer Akademie ist nicht kalkulabel. Es beruht auf Eigenschaften ihrer Mitglieder (rund 360 in sechs Abteilungen, ein Drittel nichtdeutscher Nationalität), von denen keines geworden wäre, was es ist, wenn es sich damit begnügt hätte, ein Pensum gesellschaftlicher Erwartung abzuarbeiten. Die Leistung der Mitglieder beruht auf ihrer Kompetenz im Entdecken und Herstellen noch nie dagewesener Zusammenhänge, in originellen Umgangsformen mit dem Unvorhergesehenen. Nichts, was das Kunstwerk zu bieten hat, war vorher auf dem Markt; also konnte es auch keine Nachfrage danach geben. Wer Kunst kann, müßte per se ein Gegenstand des Interesses sein. Er braucht sich nicht weiter interessant zu machen oder seine Leistung als Dienstleistung zu empfehlen. Und wehe der Akademie, die dergleichen an seiner (oder ihrer) Stelle versuchte: Sie brächte sich um das einzige, was sie von anderen "Kulturinstituten" unterscheidet: die eingeborene Empfindlichkeit gegen jegliche Institutionalisierung und die hochkarätige Unzurechnungsfähigkeit ihrer Mitglieder.

          Dabei gibt es am Ausnahmezustand, der in einer Akademie organisiert ist, nichts zu mystifizieren und auch nichts zu beschönigen. Sie pflegt "überaltert" zu sein, was sie einer auf den Kult des Jungseins getrimmten Gesellschaft von vornherein nicht empfiehlt; sie kann nicht die Novität oder den Exploit honorieren, sie anerkennt eine Lebensleistung. So sieht eine Akademie für die flüchtige Wahrnehmung wie der leibhaftige Anachronismus aus - auf den zweiten Blick beruht eben auf ihrer Resistenz ihre spezifische Stärke. Die Etablierten von heute sind - wie sich am Beispiel des langjährigen Akademiepräsidenten Max Liebermann zeigt - nicht nur die Sezession von gestern; sie repräsentieren eine Kontinuität der Geschichte, die - auch als abgerissene - etwas mehr ist als "Zeitzeugenschaft".

          Historische Verlegenheit

          "Es liegt eine gewaltige Verlegenheit über dem ganzen Vorgang", schreibt Siemons über das vorläufig letzte Kapitel der Baugeschichte am Pariser Platz. Die Verlegenheit wird nicht enden, wenn der Behnisch-Bau mit mehrjähriger Verspätung eines Tages doch noch bezugsbereit sein sollte; denn die "beste Adresse der Republik" ist selbst Ausdruck einer größeren, um nicht zu sagen: historischen Verlegenheit. Was hat die Akademie da verloren? Das als Arnim-Boitzenburgsches Palais bekannte Gebäude war vom ersten Preußenkönig seinem "Hofjuden" Meyer-Rieß offeriert worden, bevor es fast zweihundert Jahre später zum Sitz der königlich-preußischen Akademie und zum Schau- und Beweisstück wilhelminischen Kunstsinns avancierte. Nach dem Ersten Weltkrieg mauserte sich die Akademie - unter Liebermanns Präsidentschaft - zu einer republikanischen Institution, und Ach und Krach dieses Prozesses lassen sich an ihren Sitzungsprotokollen und Mutationen wie an einer Fieberkurve ablesen, bevor das NS-Regime unter den Mitgliedern in seinem Sinn aufräumte.

          Der Schatten, der von der Akademie nach 1933 übriggeblieben war, mußte das Haus am Pariser Platz Hitlers Baumeister Speer überlassen. Nach 1945 dienten die Halbtrümmer teils Fritz Cremer als Werkstatt für sein Buchenwald-Mahnmal, teils der DDR-Grenzpolizei zum Verhör der Mauerspringer, von denen sie einen, wie erst jüngst publik wurde, "auf der Flucht erschossen" hat. Im Kalten Krieg duplizierte das frei gebliebene West-Berlin die Repräsentationssymbole des verlorenen Zentrums, so auch die Akademie im Hansaviertel. Die Logik der Vereinigung verlangte die Rückkehr der Akademie an die "erste Adresse", ohne daß die inzwischen selbst historisch gewordenen Schauplätze im Westen und Osten aufgegeben worden wären, vielmehr kamen aus der Konkursmasse der DDR noch weitere Wertstücke wie das Archiv, das Brecht-Haus oder die Zeitschrift "Sinn und Form" hinzu.

          Konflikt mit sich selbst

          Aus der Mitgliedersozietät wurde ein diversifiziertes Unternehmen mit einem beträchtlichen Verwaltungsapparat - immer auf der Suche nach seinem Kerngeschäft. Daß es jetzt - zur Entlastung des Berliner Haushalts - in die Trägerschaft des Bundes übergegangen ist, vermag, was nichts Geringes ist, die "Verlegenheit", von der Siemons spricht, nur finanziell zu mindern. Der Konflikt der Akademie ist im Kern einer mit sich selbst: Einem sprunghaft gestiegenen und salopp vorgetragenen Bedarf an öffentlicher Rechtfertigung steht die ungeschriebene, aber keine Verletzung verzeihende Maxime entgegen, daß die Akademie ebendiese Rechtfertigung schuldig bleiben muß, wenn sie sich selbst treu bleiben will. Diese Maxime ist die Bedingung, unter der sie das ihr eigene Gut produziert. Zugleich war und bleibt die Freiheit, die sie genießt - und die der Staat nicht "gewähren", nur verhindern kann -, ihrerseits ein sicheres Indiz für die innere Freiheit des Staates selbst. An seinem Umgang mit einer Akademie wird er nicht weniger gemessen als sie an ihrem intelligenten Widerspruch gegen Einvernahme, die schon bei zu viel - gutgemeinter - Einvernehmlichkeit beginnt.

          Buchhalterisch ist die Subvention einer Akademie ein Ärgernis: Der Staat stellt einen Blankoscheck für eine Leistung aus, die er nicht kennt; im Vertrauen darauf, daß ihn die Akademie als Verpflichtung nimmt, der Öffentlichkeit eben kein Duplikat des laufenden Kulturbetriebs zu liefern, sondern Beweise originaler Kultur. Als Institution kann die Akademie nicht feiner sein als andere Kulturbetriebe. Siemons hat recht: Als Prägestätte von "Spielmarken im Zirkus des schon Bekannten" wäre sie entbehrlich. Als Ort der Sammlung ist sie es nicht - sie muß dafür nicht im empfohlenen "vorsprachlichen Raum" verharren oder ins Schweigen eines Trappistenklosters versinken. Aber in ihrer kreativen Intimsphäre, vor aller Öffentlichkeit, schöpft sie Lust und Kraft und damit auch die Kriterien dafür, wie sie sich als andere Sozietät im öffentlichen Raum zu erkennen geben soll.

          Anstößiger Fremdkörper

          Der unvollendete Rohbau am Pariser Platz transportiert die Botschaft eines hartnäckigen Provisoriums und anstößigen Fremdkörpers, in dem die Akademie - auch wenn sie noch so gerne einzöge - ein Stück ihrer selbst erkennt. Die normative Erbschaft, welche die Akademie mitführt, gewinnt im Zusammenhang des kulturbetrieblichen "Verschleißes", den Siemons registriert, eine Aktualität, die sich freilich nicht mehr korporativ einlösen läßt. Natürlich würde sich eine Akademie nur lächerlich machen, wenn sie - außer im krassen politischen Notfall - versuchte, mit einer Stimme aufzutreten, sei es als ästhetischer Gesetzgeber oder kulturpolitischer Zensor. Aber die Autorität der Lebensleistung, welche die Künstler verkörpern, kann durchaus etwas Vorbildliches haben. Und zwar um so mehr, je weniger sie sich mit einem bestimmten Programm verbindet. Der Wert, den Künstler vermitteln, liegt in der Erfahrung, den sie mit ihren Stoffen machen, sei es Papier oder Metall - oder auch Politik und Gesellschaft.

          Der traditionelle Auftrag, Künstler auszubilden, wächst der Akademie heute von unerwarteter Seite wieder zu: Sie leben, als Individuen, inmitten der Massengesellschaft einen Eigensinn vor, der gewissermaßen die Keimzelle der Autonomie für ihre eigene Sozietät bildet. Die Zusammensetzung der Akademie wirkt elitär, ihre Botschaft ist es nicht. Sie ist ein sokratisches Institut, das die Antworten der Zivilisation wieder in Frageformen übersetzt. Die Künstler einer Akademie leben - meist nicht eben bequem - davon, daß ihre Arbeit die als Sachzwänge auftretenden Indikative ihrer Gesellschaft wieder in der Möglichkeitsform behandelt - unbekümmert darum, ob sie als die schlimmsten oder die besten Möglichkeiten erscheinen. In diesem Potentialis der Kunst zeigen sich die Potentiale des Menschen. Wer sie zum Ausgangspunkt seiner Tätigkeit macht, kann nur ungeschützt handeln. Ob ihn die Gesellschaft dafür ihrerseits für schutzwürdig hält, ist ein Maßstab ihrer Kultur. Die Akademie, die ihn genießt, weiß aber sehr gut, wofür sie dankt.

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