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Debatte : Die Akademie dankt

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Buchhalterisch ist die Subvention einer Akademie ein Ärgernis: Der Staat stellt einen Blankoscheck für eine Leistung aus, die er nicht kennt; im Vertrauen darauf, daß ihn die Akademie als Verpflichtung nimmt, der Öffentlichkeit eben kein Duplikat des laufenden Kulturbetriebs zu liefern, sondern Beweise originaler Kultur. Als Institution kann die Akademie nicht feiner sein als andere Kulturbetriebe. Siemons hat recht: Als Prägestätte von "Spielmarken im Zirkus des schon Bekannten" wäre sie entbehrlich. Als Ort der Sammlung ist sie es nicht - sie muß dafür nicht im empfohlenen "vorsprachlichen Raum" verharren oder ins Schweigen eines Trappistenklosters versinken. Aber in ihrer kreativen Intimsphäre, vor aller Öffentlichkeit, schöpft sie Lust und Kraft und damit auch die Kriterien dafür, wie sie sich als andere Sozietät im öffentlichen Raum zu erkennen geben soll.

Anstößiger Fremdkörper

Der unvollendete Rohbau am Pariser Platz transportiert die Botschaft eines hartnäckigen Provisoriums und anstößigen Fremdkörpers, in dem die Akademie - auch wenn sie noch so gerne einzöge - ein Stück ihrer selbst erkennt. Die normative Erbschaft, welche die Akademie mitführt, gewinnt im Zusammenhang des kulturbetrieblichen "Verschleißes", den Siemons registriert, eine Aktualität, die sich freilich nicht mehr korporativ einlösen läßt. Natürlich würde sich eine Akademie nur lächerlich machen, wenn sie - außer im krassen politischen Notfall - versuchte, mit einer Stimme aufzutreten, sei es als ästhetischer Gesetzgeber oder kulturpolitischer Zensor. Aber die Autorität der Lebensleistung, welche die Künstler verkörpern, kann durchaus etwas Vorbildliches haben. Und zwar um so mehr, je weniger sie sich mit einem bestimmten Programm verbindet. Der Wert, den Künstler vermitteln, liegt in der Erfahrung, den sie mit ihren Stoffen machen, sei es Papier oder Metall - oder auch Politik und Gesellschaft.

Der traditionelle Auftrag, Künstler auszubilden, wächst der Akademie heute von unerwarteter Seite wieder zu: Sie leben, als Individuen, inmitten der Massengesellschaft einen Eigensinn vor, der gewissermaßen die Keimzelle der Autonomie für ihre eigene Sozietät bildet. Die Zusammensetzung der Akademie wirkt elitär, ihre Botschaft ist es nicht. Sie ist ein sokratisches Institut, das die Antworten der Zivilisation wieder in Frageformen übersetzt. Die Künstler einer Akademie leben - meist nicht eben bequem - davon, daß ihre Arbeit die als Sachzwänge auftretenden Indikative ihrer Gesellschaft wieder in der Möglichkeitsform behandelt - unbekümmert darum, ob sie als die schlimmsten oder die besten Möglichkeiten erscheinen. In diesem Potentialis der Kunst zeigen sich die Potentiale des Menschen. Wer sie zum Ausgangspunkt seiner Tätigkeit macht, kann nur ungeschützt handeln. Ob ihn die Gesellschaft dafür ihrerseits für schutzwürdig hält, ist ein Maßstab ihrer Kultur. Die Akademie, die ihn genießt, weiß aber sehr gut, wofür sie dankt.

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