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Death-Metal von Nile : Brennende Götterspeise

Hörprobe: „The Inevitable Degradation Of Flesh“ Bild: Pearl/Seth Design

Für die rhythmischen Probleme der Gegenwartsrockmusik hat die Death-Metal-Band Nile eine Lösung: Gewalt. Von diesem robusten Ansatz zeugt ihre neue Platte „At The Gate Of Sethu“.

          6 Min.

          Oh Gott: Blutroter Hagel aus splittrigen Eisbrocken prasselt auf die gesalzene, sterbende Erde. Dicke feuchte Schlammkäfer brummen in Angriffsformation hin und her. Molche speien Schlundsäure. Und über alledem priestert schließlich eine entmenschte Leichenfresserstimme mit ausgedachtem altägyptischem Akzent die kaum verständliche Beschwörung: „Amun / Lord of the Gods / Thou who art of the Four Rams Heads upon thy Neck / Thou standest upon the spine of the Crocodile Fiends“.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Zu diesem mythopoetisch-monumentalen Bild schenkt die einfallsreiche Soundausstattung des tosenden Stücks dem Gehör ein berauschendes Gefühl davon, wie Musik klingen müsste, wenn sie nicht von Menschen für Menschen gemacht würde, damit sie sich in der Luft per Schallwellen ausbreitet, sondern gewohnheitsmäßig unter Wasser stattfände, als bevorzugte Kunstform korpulent-feindseliger Kiemenatmer etwa, die ein bösartiger Schöpfer, der nicht wollte, dass man sie streicheln kann, in giftige Knorpelplatten verkapselt hat (samt finsteren Schlitzen drin: den Ohren). Dass man Gitarren zupfen, schlagen und schlimmstenfalls dreschen kann, weiß man eh; hier aber erleben wir, was passiert, wenn einer wie dieser Karl Sanders (der dazu nötigenfalls grausam röchelt, siehe oben) die Saiten mit ätzendem Handballenschweiß einfettet, pfetzt, schreddert, nudelt, gerbt, kerbt, geißelt und bitterlich beschlarzt (eben gab es das Wort noch nicht; schon rupft Sanders es mitleidlos in Fetzen).

          Unvergleichlich mit anderen Profis

          Ein grimmer Bass, bedient von Dallas Toler Wade, schwingt dazu von rechts nach links wie ein von seinem eigenen Gewicht zum Selbstmord durch Einsturz gedrängter Riesenstahlkran. Wer das, was George Kollias, um den Wahnsinn abzurunden, todernst zusammentritt und -trommelt, verniedlichend einen „Rhythmus“ nennt, verwechselt wahrscheinlich auch ein Jumbojet-Düsentriebwerk mit einem elektrischen Handrasierer.

          Schlagzeug? Kann man schon so sagen; vorausgesetzt, man macht sich klar, dass der Mann, der hier am Gerät sitzt, mit jedem seiner beiden Füße zwischen Achteltaumel, koordinationszerstörender Sechzehntel-Dystonie und fersenfeindlicher Bomb-Blast-Doppelbelastung Tempi und Musterwechsel hinkriegt, die den meisten Profis selbst mit sechs Händen und dreieinhalb Beinen missraten müssten. Entfesselte Akrobatik, gequetschte Lotosblüten, schreiende Zuckerwatte, brennende Götterspeise. Zack, vorbei. Was das bitte war? Das war die überragende Nummer „Papyrus containing the spell to preserve his possessor against attacks from he who is in the water“ vom herrlichen Album „Ithyphallic“ der Band Nile aus dem Jahr 2007.

          Eine Botschaft aus der Welt der Pharaonen

          Seit 1993 arbeitet der Gitarrist und Brüllrezitator Karl Sanders als Orchesterchef dieses Projekts mit wechselnden Unterstützern an einer ebenso hyperkomplexen wie zähnefletschenden Variante des Death Metal, die man in Würdigung ihres immensen aufführungspraktischen Schwierigkeitsgrades „technical“ getauft hat. Mit den verschiedenen lebenden Kindern und Wechselbälgern des älteren Progressive Rock hat diese Musik gemein, dass ihre Adepten Eingängigkeit, aufgeräumte Isorhythmie und überhaupt für Rockmusik sonst verbindliche Kompositionsarchitekturen, die sich auch das ungeübte Gehör nach anderthalb Minuten merken kann, mit tödlichem Hass verabscheuen.

          Eben ist eine neue Platte der Gruppe erschienen. Sie heißt, weil der gemütvolle Maniker Sanders nicht unser Hier und Heute, sondern die Welt der Pharaonen bewohnt, wo er alle seine lyrischen Flüche und Zornausbrüche findet, „At The Gate Of Sethu“. Es ist die bis jetzt im Sinne eines Querschnitts durch das Können und Wollen der Beteiligten repräsentativste Arbeit der Band - wenn auch nicht unbedingt die beste (wer Kunst als Überbietungsgymnastik betreibt und statt auf eine bewegte Schaffenslaufbahn nur auf Spitzenleistungen aus ist, müsste spätestens nach einem Kronjuwel wie „Iskander Dhul Kharnon“, dem sechseinhalbminütigen Abschluss der letzten Nile-Studioschändung „Those Whom The Gods Detest“ vor drei Jahren, die Instrumente weglegen; dicker wird’s nicht).

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