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De Gaulles Erbe : Der Verrückte des 18. Juni

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Zur Feier des 18. Juni: Das monumentale Porträt de Gaulles auf der Fassade des Pariser Rathauses Bild: AFP

Heute vor siebzig Jahren, am 18. Juni 1940, verkündet ein unbekannter französischer General seinen Landsleuten, dass Frankreich nicht besiegt sei. Eine Pariser Ausstellung geht jetzt dem schwierigen Erbe Charles de Gaulles nach.

          Was ginge es uns an, wenn Frankreich trotz Rückkehr in die Nato, trotz Sarkozys Brachialreformen, trotz Entrümpelung seiner republikanischen Mystik einen untilgbaren Rest gaullistischen Eigensinns bewahrt hätte? Diese besondere Art, gegen die Kulturglobalisierung die Stimme zu heben, eigene mit universaler Schicksalserwartung zu vermischen und selbst hinter dem Anpfiff für die „bleus“ in Südafrika die Trompeten von Jericho mitzuhören, könnte als eine nette Marotte abgetan werden. Die Ausstellungen und Publikationen, mit denen die Nation den siebzigsten Jahrestag des Aufrufs vom 18. Juni begeht, auch des hundertzwanzigsten Geburtstages und dreißigsten Todestages von Charles de Gaulle, lassen tiefer blicken.

          Das Fehlen kritischer Stimmen könnte die Vermutung nahelegen, die Symbolfigur des Neinsagens sei endgültig im Wachsfigurenkabinett der Geschichte angelangt. Auch der unter einigen französischen Schullehrern gerade aufgekommene Streit, ob de Gaulles Kriegsmemoiren tatsächlich verdienen, in den literarischen Textkanon für Abiturprüfungen aufgenommen zu werden, wie aus dem Ministerium verfügt wurde, kommt mangels stichhaltiger Argumente gar nicht recht in Gang.

          Konträre Erinnerungen

          Glaubwürdiger ist eine andere Lesart des Befundes. Die, dass die geistige Aneignung de Gaulles in Frankreich noch nicht abgeschlossen ist. Hat de Gaulle die Möglichkeiten Frankreichs überschätzt? So fragte einmal François Mauriac. Dieser Zweifel sitzt der Nation bis heute im Genick. Es rumort zwischen den einschlägigen Erinnerungsorten. Ob die Größe der Säulenfigur mit oder ohne Sockel zu messen sei, geht aus der hagiographischen Literatur von Malraux und Mauriac bis Max Gallo und Régis Debray immer noch nicht deutlich hervor. Ein Beispiel der Unschlüssigkeit bietet die Ausstellung „De Gaulle et la France libre“ im Pariser Invalidenmuseum. Dem Besucher gerät sie zum Hürdenlauf durch konträre Erinnerungen.

          Paris befreit: De Gaulle (links) an der Spitze der Siegesparade am 26. August 1944

          Drei Institutionen kohabitieren im monumentalen Hôtel des Invalides. Man hätte erwarten können, dass aus Anlass des Jubiläums das Musée de l’Armée, das verstaubte Musée de l’Ordre de la Libération und das vor zwei Jahren eingeweihte Historial Charles de Gaulle sich zu einem Gesamtporträt zusammenraufen. Nichts dergleichen. Bis auf ein BBC-Mikrofon blieben so gut wie alle Exponate an ihrem Ort. Quer durch die Invaliden-Flügel wurden aber zwischen den Sammlungen blaue, weiße und rote Spuren gelegt, auf denen man sich sofort verläuft. Blau führt eine Bodenmarkierung unter dem Titel „Mémoire d’objets, objets de mémoire“ in den Sälen des Kriegsmuseums aus dem Ersten Weltkrieg zu den Konsequenzen der neuen mechanisierten Kriegskunst, die de Gaulle in seinen Schriften vorausgesehen hat. Der Stellungskrieg weicht der Bewegung, die Unterstände den Panzern, die Handfeuerwaffen dem automatischen Geschütz, die Geländekenntnis der Lufthoheit.

          Auf trikoloren Spuren

          Für den Mann, der diese Entwicklung seinen Vorgesetzten vergeblich klarzumachen versuchte, tut sich in der Galerie der Evolution der Kriegstechnik im Musée de l’Armée ein eigener Saal auf. Er enthält persönliche Gegenstände und Textstellen aus den Schriften des Kommandanten des Ungehorsams im Namen höherer Verpflichtung, der am 17. Juni 1940 in Bordeaux ein Flugzeug nach London bestieg, Marschall Pétains Rundfunkaufruf zum Waffenstillstand hörte und am Tag danach sein „Ich, General de Gaulle, gegenwärtig in London, lade alle französischen Offiziere und Soldaten ein, mit mir Kontakt aufzunehmen“ ins Mikrofon sprach – ein Kriegsführer in verzweifelter Lage.

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