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DDR-Tagebücher junger Menschen : „Die ganze Welt schaut auf uns...“

  • -Aktualisiert am

Teile der Berliner Mauer werden am 11. November 1989 mit Hilfe eines Krans entfernt. Zahlreiche Menschen verfolgen in der Nacht die Aktion. Bild: Picture-Alliance

Was beschäftigte junge Menschen in der DDR im Sommer und Herbst 1990? Welche Gefühle löste die Wiedervereinigung in ihnen aus? Auszüge aus Tagebüchern zeugen von großer Unsicherheit.

          5 Min.

          Im Sommer 1990 publizierte die Zeitung „Junge Welt“ einen Aufruf des Zentrums für interdisziplinäre Frauenforschung der Humboldt Universität Berlin – mit dem Titel „Chronisten gesucht“. Gefragt waren Personen im Alter zwischen sechzehn und fünfunddreißig Jahren, die ein Vierteljahr lang ihre „Gedanken, Erfahrungen, Hoffnungen und Ängste“ über die Wiedervereinigung in einem Tagebuch festhalten sollten. 157 Tagebücher wurden eingereicht, fast ausschließlich von Frauen. Wir dokumentieren Auszüge.

          Dienstag, 2. Oktober 1990

          Nur noch wenige Stunden bis zur Vereinigung der beiden deutschen Staaten. Komisch, die ganze Welt schaut auf uns . . ., aber mir ist gar nicht historisch zumute. Jetzt heißt es endgültig Abschied nehmen von der DDR . . . Irgendwie tut dieses Abschiednehmen weh, ich sträube mich innerlich noch immer gegen diesen Zusammenschluß – es ging mir einfach zu schnell, ich sehe die totale Selbstaufgabe unseres Landes (wie wenig wurde übernommen, es gab doch so viele positive Dinge) und die Hoffnungslosigkeit der Leute in meiner Umgebung. Und ich habe von einer neu gestalteten DDR geträumt, mit einer wirklichen Demokratie, Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Solidarität untereinander. Wie schön hatte alles angefangen . . . Nun sitzen wir vor dem laufenden Fernseher, erleben die Stimmung im Land (vor allem in Berlin), die an Silvester erinnert, sehen die euphorischen Reporter und in die erwartungsvollen Gesichter der Menschen und wissen gar nicht, welches Gefühl nun in uns aufsteigen soll. Freude sicher nicht, Stolz ganz und gar unmöglich, es wird wohl eher Wehmut sein. Wehmut und Traurigkeit! . . . Sicher, als einziges der Ostblockstaaten haben wir den besten Start, finanziell und wirtschaftlich. Aber ich habe eben Angst um die Menschen, Angst auch vor ihnen. Wie lange wird es dauern, bis der letzte noch erhaltene Funken Zusammengehörigkeitsgefühl zertreten ist?
          ANONYM, Hausfrau

          Die verordnete Freude tritt nicht ein, woher auch. Es ist eine eigentümliche Leere. Ich habe die letzten Tage damit verbracht, für heut Abend alle möglichen Rock-Lieder Made in GDR auf die Kassetten zu bringen. Und es ist schon auffällig, welche eigenständigen Formen diese Musik in all den Jahren angenommen hat. Da war etwas von Lebensgefühl, mit dem man sich identifiziert hat. Die Aufarbeitung unserer Geschichte hat erst begonnen. Ich fühle mich als Teil dieser, und das wird ganz sicher bleiben. Ich spüre, daß wahrscheinlich davon mehr zurückbleibt als von dem, was angeblich als Heimatverbundenheit mit Deutschland da sein bzw. wachsen soll. Vielleicht gelingt dies unseren Kindern, obwohl ich selbst dazu nichts für sie tun kann.
          ANONYM, Pädagogin

          Mittwoch, 3. Oktober, Tag der Einheit

          Ich konnte mich nicht freuen, fühlte mich alleine und sehr betroffen. Wohin geht jetzt mein Weg? . . . Ich komme mir zur Zeit vor, als ob ich triftend in einem Boot in einem großen Meer sitze. Wohin nur? Nirgendwo gibt es Halt. Kaum einer versteht die Brüche in mir. Nun bin ich Bundesbürger. Weil das ein anderer sagt. So einfach ist das. Die Bundesfahnen schon in den Händen kleiner Kinder rauhen meine Seele auf. . . Denn sie wissen nicht, was sie tun . . . Aber sie werden es auf alle Fälle besser haben, denn sie wachsen nicht mit diesem Bruch auf, sondern er ist Tatsache und normal in ihrem Leben. So wie das die Mauer für mich war. Kein Problem.
          ANONYM, Telefonistin

          Um 0.00 Uhr halten wir jeder ein Glas „Wodka Gorbatschow“ in der Hand, wir wollen die alte Nationalhymne singen, aus Gag, auch um Abschied zu nehmen, als aus dem Kassettenrecorder die feierliche Musik kommt, im Chor beginnt „Auferstanden aus Ruinen“, ist meine Kehle zu, ich zerbeiße mir die Lippen, um am Ende doch in Tränen auszubrechen.
          ANONYM, Medizinisch-technische Assistentin

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