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Fotografin Evelyn Richter gestorben : Die Partisanin

Evelyn Richter bei einer Ausstellung ihrer Werke in Dresden Bild: ddp

Für sie war die Kamera wie eine Waffe: Evelyn Richter, die Grand Dame der sozialdokumentarischen Fotografie der DDR, ist gestorben.

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          Die Melancholie ist jeder Fotografie förmlich eingebrannt. Was aber Evelyn Richter zeitlebens mit ihren Bildern festgehalten hat, ist an Traurigkeit kaum zu überbieten. Dabei war sie keineswegs in Elendsgebieten unterwegs, sondern hat dokumentiert, was der Aufbau eines Vorzeigeprojekts hatte werden sollen: des Arbeiter- und Bauernstaats. Bei ihr indes scheint es immer nur abwärts gegangen zu sein.

          Freddy Langer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Blättert man sich durch ihr Werk, begegnet man zunächst noch skeptischen Blicken. Das war Anfang der Fünfzigerjahre, nachdem sie im Atelier von Pan Walther in Dresden zur Lehre gegangen war und ihre Studien an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst fortsetzte. Doch galten der Akademie bereits diese Porträts von einigen Künstlern und vielen ihrer Kommilitonen als Zeichen herausgestellter Mutlosigkeit – und bescherten ihr prompt den Rauswurf. Sie allerdings spornte das nur vollends dazu an, gegen die offizielle Bildpropaganda der DDR anzufotografieren. Fern der Utopien einer neuen, besseren Weltordnung arbeitete sie an einem Bilderkatalog des Existenzialismus. Und präsentierte einen Alltag, in dem Verzweiflung, Tristesse und Schäbigkeit zu Hause waren.

          Einheitsblicke

          Egal, ob sie sich Fahrgästen in der Straßenbahn oder Arbeiterinnen in den Fabriken widmete, Besuchern in Kunstausstellungen oder Rentnerinnen in ihren karg möblierten Wohnungen, immer fand Evelyn Richter Beispiele eines faden Einheitsblicks: ein Starren ins Leere, dem selbst der Rückzug in die eigene Innerlichkeit lange schon verwehrt ist. Es scheint daher überraschend, war aber nur konsequent, dass die Autoren des Erziehungsbuchs „Entwicklungswunder Mensch“ Ende der Siebzigerjahre ausgerechnet sie einluden, für diesen Band im Spannungsfeld von Politik und Pädagogik die Illustrationen zu liefern. Denn es sollten über den Umweg ihrer Fotografien nicht zuletzt die autoritären, bis an die Grenzen der Dressur reichenden Krippenerziehungspläne unterlaufen und die Förderung der Individualität hervorgehoben werden.

          Unter den Fotografen der DDR hat Evelyn Richter womöglich am engsten im Sinne einer sozialdokumentarischen, humanistisch engagierten Weise gearbeitet – eine Entscheidung, die sich zurückführen lässt auf die große, erfolgreiche Ausstellung „The Family of Man“, die Edward Steichen nach dem Ende des Kriegs als Versöhnungsgeste für das Museum of Modern Art zusammengestellt hatte und die auf ihrer Welttournee 1955 auch in Westberlin Station machte, wo Evelyn Richter sie besucht hat. Und sie gründet auf der Weltanschauung ihres Mentors, des Fotografen Arno Fischer, der ihr schon in der zweiten Hälfte der Fünfzigerjahre zurück in den Beruf geholfen hat – so weit, dass sie von 1981 an sogar an der Hochschule für Grafik und Buchkunst fast zehn Jahre lang unterrichten konnte und damit die Bildauffassung einer ganzen Generation von ostdeutschen Fotografen mitbestimmte.

          Sinnbilder

          Evelyn Richter hatte eine klare Vorstellung vom Auftrag der Fotografie. Ein gutes Bild, erklärte sie, müsse ein Sinnbild sein, müsse die Kraft des Erlebnisses enthalten, Emotionen verdichten und Inhalte transportieren. In ihren Bildern freilich schwingt noch etwas anderes mit: Trotz. Denn unerwähnt bleibt in ihrer Forderung die Bedeutung einer Ehrlichkeit gegenüber der Welt, die zu schärfster Kritik führen kann. Einfach war das im System der DDR nicht, für ihre Arbeit verglich sie sich denn auch mit einer Partisanin.

          Über Jahre hinweg arbeitete sie deshalb frei und, wie sie selbst es formulierte, „für die Kiste“. Schließlich aber erhielt sie die gebührende Anerkennung, als die Ostdeutsche Sparkassenstiftung im Jahr 2009 ein Konvolut von 730 ihrer Abzüge für das Leipziger Museum der Bildenden Künste kaufte – gleichsam als ein Geschichtsbuch aus Bildern, das sich in aller Schärfe mit den Widersprüchlichkeiten eines Staats auseinandersetzt. Am vergangenen Sonntag ist Evelyn Richter im Alter von einundneunzig Jahren gestorben.

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