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David Graeber in Frankfurt : Wieso stellt sich das Bankenviertel tot?

  • -Aktualisiert am

Bereit für Blockupy: Frankfurt glich letzte Woche einer Bundespolizeihauptstadt Bild: dpa

Frankfurt stellt sich tot. Also Bühne frei für David Graeber, der hier seinen „Schulden“-Bestseller und den Erfahrungsbericht über die Occupy-Bewegung vorstellt.

          Man konnte am vergangenen Samstag auf dem Frankfurter Standesamt keine Ehen schließen, die Brautpaare mussten ins benachbarte Höchst ausweichen. Man hätte angesichts der Anarchistenhorden vor den Toren die Sache auch gleich ganz verbieten können, denn die Ehe ist eine anarchische Gemeinschaft: Es gibt unter Eheleuten keinen alleinigen Entscheider, alle sind gleichberechtigt. So sagt es auch das Gesetz. Und wenn die Ehe zu einer Familie führt, die wiederum die Keimzelle des Staates ist, dann ist der Etablierung der Anarchie in diesem Lande Tür und Tor geöffnet, alles was es braucht ist, dass zwei Menschen ja sagen. Dann kann nicht mal die Polizei kommen und das ist schade, denn wir haben soviel davon. Frankfurt glich letzte Woche einer Bundespolizeihauptstadt. Selbst neben den Fahrradständern am Hauptbahnhof hechelte ein gestresster Polizeihund.

          Offenkundig hatte eine große Angst Frankfurt erfasst. Kindergärten stellten den Betrieb ein, die Straßenbahnen fuhren nicht mehr. Banker sollten keine Anzüge tragen, sondern als Hipster getarnt in ihre Büros schleichen. An den Haltestellen warnte ein buntes Schild, dass selbst der „Ebbelwoi Express“ nicht mehr verkehrt. Die Stadt stellte sich tot, aber angesichts einiger Tausend erwarteter Demonstranten wirkte das unangemessen, als würde ein schlechtes Gewissen im wichtigsten deutschen Finanzplatz die Angst vor der Angst noch verstärken.

          Die Anthropologie der Schulden

          So war die Bühne frei für David Graeber. Alles passte plötzlich, er war der Mann der Stunde, des Brückentags. Seine Ankunft in Frankfurt wirkte wie perfektes Timing. Zwei Bücher will er hier vorstellen, einmal den Erfahrungsbericht über die „Occupy Wall Street“-Bewegung. „Inside Occupy“, dann sein Hauptwerk, das fünfhundertseitige Buch über Schulden. Es ist eine brisante und eine Pflichtlektüre, denn Schulden sind das drängendste politische und private Problem, spielen aber in der Theorie eine bloß funktionale Rolle: Redet man nicht drüber, muss man zurückzahlen.

          Doch die Explosion der privaten Schulden in den Vereinigten Staaten, wo die Befriedigung elementarer Bedürfnisse wie dem nach Bildung oder Gesundheitsversorgung in die Schuldenfalle führt, hat dem Problem eine explosive soziale Dimension verliehen. Graebers Buch hat vielen geholfen, die Scham der Verschuldung zu überwinden, ihr den Ruf des persönlichen Versagens zu nehmen und das Phänomen sozialanthropologisch zu relativieren. Danach sind Schulden ein unangenehmes, aber wirksames Instrument, um Machtverhältnisse zugleich zu verschleiern und zu behaupten. Graeber lehrt, dass zu jedem Schuldensystem, das eine gewisse Dimension erreicht hat, auch der Schuldenerlass gehört.

          Das ist keine Utopie, schließlich hat man vor vier Jahren das internationale Bankensystem gerettet, indem die Steuerzahler aller Länder die Schulden der Institute übernahm und in Bad Banks zwischenlagerte. Wenn man Graeber liest und hört, erscheint der Kapitalismus nicht mehr als Endpunkt der Geschichte, sondern als Laune der Kulturgeschichte, eine kuriose Institution mit manipulierten Spielregeln bei denen immer die Reichen gewinnen, moralisch irgendwo zwischen dem transatlantischen Sklaven- und dem mittelalterlichen Ablasshandel.

          Bühne frei für David Graeber

          Graeber erschien am Freitag früh blinzelnd zum Interview, hatte nach seinem Nachtflug nach Frankfurt zu lange geschlafen und war dann herausgestürzt, um zu beobachten, wie die Polizei mit den ersten Demonstranten am Messegelände umging. Er kommentiert es gleich kenntnisreich: „Wenn sie Hunde dabei haben, bedeutet es, dass sie keinen Tränengaseinsatz planen. Das ist dann verboten, es wäre Tierquälerei.“

          Er trägt einen alten Pullover und schleppt außer einem blauen Mantel, der bessere Tage gesehen hat, eine grotesk überfüllte Tasche. Ohne die private und staatliche Schuldenkrise, die Bereicherung der Finanzbranche zu Lasten der öffentlichen Kassen und die Willfährigkeit der amerikanischen und britischen Politiker gegenüber den großen Geldhändlern, wäre Graeber kaum über die Grenzen seines Fachs hinaus bekannt geworden. Nun hat ihm seine Doppelrolle als Aktivist und Autor eine Prominenz verschafft, die manchen seiner Kollegen unheimlich ist.

          Leere Zelte: Die U-Bahnen durften nicht fahren, die Kindergärten blieben geschlossen, das Occupy-Camp wurde geräumt

          In Yale wurde er nach einem Freisemester kaum noch gegrüßt, sein Vertrag wurde nicht verlängert. Unter Studierenden ist er anhaltend beliebt, nicht zuletzt, weil so viele von ihnen unter einer drückenden Schuldenlast ächzen. Graeber vergleicht seine Erfahrungen des vergangenen Jahres, als die Occupy-Bewegung plötzlich berühmt wurde, mit der ägyptischer Dissidenten: Jahrelang organisiert man Demos und es kommen nur ein paar Dutzend, immer dieselben. Und plötzlich strömen sie aus allen Himmelsrichtungen heran. Es werden Hunderte, dann Tausende und man weiß gar nicht genau, warum sich das ändert. Nur, dass die Zeit reif ist.

          Die Resonanz auf seine Arbeiten ist herausragend, seine Lesung ist die einzige öffentliche Veranstaltung dieser Tage, die nicht verboten wurde. Was sich als ein Fehler herausstellen könnte. Denn Graeber ist nicht nur radikal, er ist auch amüsant, eine gefährliche Mischung. Meistens strahlt er bei der Entwicklung seiner subversiven Gedanken, als würde er von seinen Pläne für die Sommerferien vorschwärmen. Ihm haftet nichts von einem Apokalyptiker an, er predigt das gute Leben. Vorbild ist seine Mutter, die als Näherin arbeitete, zwischendrin drei Jahre pausierte, um als Hauptdarstellerin in einem Musical am Broadway aufzutreten. Und dann wieder zu nähen.

          Anarchisten führen keine Kriege

          Graebers Vater, ein Drucker, war im spanischen Bürgerkrieg bei den internationalen Brigaden in Barcelona, er fuhr Krankenwagen. Von der anarchistischen Stadtregierung hat er viel erzählt, ohne sich freilich zum Anarchismus zu bekennen. Dazu fehlte ihm der Mut. Er hatte aber, vor allem gegen Ende seines Lebens, immer weniger Einwände gegen die anarchistischen Auffassungen seines Sohnes. „Er sagte: Anarchie bringt Probleme, aber alle anderen Systeme doch auch.“ Der große Vorteil, laut Graeber: Anarchisten führen keine Kriege. „Das ist die eine Sache derer sie unfähig sind.“ Darum sind die Zeiten, in denen sich der Anarchismus als Theorie und als Bewegung gut entfalten konnte, jene, in denen kein Krieg drohte, der Nationalismus ist der größte Gegner des Anarchismus.

          Graeber schaut immer wieder hinaus, will verstehen, was die Polizei mit den Blockupy-Demonstranten anstellt. Was kann daraus werden? Ein neues Achtundsechzig? Auch die Obrigkeit lernt schnell, sagt Graeber: Die Kriege in Afghanistan und im Irak wurden so geführt, dass sie möglichst wenig Bilder liefern, um keine Antikriegsbewegung anzufachen. Und in diesem Jahr verhindern Gerichtsurteile die Wiederholung der Occupy-Aktionen, kein Zelt und keine Plane wird rund um die Wall Street geduldet.

          Bankenviertel als Krisengebiet

          Man hat das Bankenviertel in Manhattan sogar zum Krisengebiet erklärt, um die Versammlungsfreiheit dort einzuschränken. Graeber lacht: „Egal was wir anmelden, es ist vorher schon verboten worden.“ Die Versammlungsfreiheit, ein Grundrecht der Vereinigten Staaten, ist rund um die Wall Street nur noch ein Ornament. „Wenn wir im Hyde Park demonstrieren wollten, würden sie auch noch speaker’s corner schließen.“ Und auch mit dem achten Artikel des Grundgesetzes war es an diesem langen, leeren Wochenende in Frankfurt nicht weit her.

          Solch große Angst kann nur einem schlechten Gewissen entspringen. Man denkt an die hübsche Maxime von Georges Pompidou, nach der eine Revolution dann gesiegt hat, wenn sich die Idee ihrer Unvermeidlichkeit in den Köpfen ihrer Gegner festgesetzt hat. Und wenn eine ganze Stadt, eine ganze Branche sich aus lauter Angst tot stellt, so sieht das schon sehr eingeschüchtert aus. Wer andere Ansichten als Graeber pflegt, sollte die auch in der Diskussion mit ihm vertreten. Wäre der Finanzsektor nicht in einem fernen, furchtsamen Planeten verwandelt, gäbe es dort noch Berater aus der Außenwelt, so hätten die Frankfurter Banken am vergangenen Wochenende besser einen Tag der offenen Tür veranstaltet und die Diskussion mit David Graeber und seinen Lesern gesucht.

          Die ganze Stadt hätte, in der Tradition der reichsstädtischen Liberalität, die Begegnung mit den Protestlern suchen sollen, samt Oberbürgermeister und Ebbelwoi-Express. Was hätte schon passieren können? Der große Welt- und Gelduntergang? Der droht auch so. Graeber reist einstweilen weiter, durch Deutschland, durch ganz Europa. Er vertritt keine Partei und stellt keine Forderungen, bloß die Freiheit der Gedanken. Wie Sartre in den Jahren, die zu den Ereignissen vom Mai 1968 führten. Er wird um so größer, je kleiner sich alle anderen machen.

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