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David Graeber in Frankfurt : Wieso stellt sich das Bankenviertel tot?

  • -Aktualisiert am
Leere Zelte: Die U-Bahnen durften nicht fahren, die Kindergärten blieben geschlossen, das Occupy-Camp wurde geräumt

In Yale wurde er nach einem Freisemester kaum noch gegrüßt, sein Vertrag wurde nicht verlängert. Unter Studierenden ist er anhaltend beliebt, nicht zuletzt, weil so viele von ihnen unter einer drückenden Schuldenlast ächzen. Graeber vergleicht seine Erfahrungen des vergangenen Jahres, als die Occupy-Bewegung plötzlich berühmt wurde, mit der ägyptischer Dissidenten: Jahrelang organisiert man Demos und es kommen nur ein paar Dutzend, immer dieselben. Und plötzlich strömen sie aus allen Himmelsrichtungen heran. Es werden Hunderte, dann Tausende und man weiß gar nicht genau, warum sich das ändert. Nur, dass die Zeit reif ist.

Die Resonanz auf seine Arbeiten ist herausragend, seine Lesung ist die einzige öffentliche Veranstaltung dieser Tage, die nicht verboten wurde. Was sich als ein Fehler herausstellen könnte. Denn Graeber ist nicht nur radikal, er ist auch amüsant, eine gefährliche Mischung. Meistens strahlt er bei der Entwicklung seiner subversiven Gedanken, als würde er von seinen Pläne für die Sommerferien vorschwärmen. Ihm haftet nichts von einem Apokalyptiker an, er predigt das gute Leben. Vorbild ist seine Mutter, die als Näherin arbeitete, zwischendrin drei Jahre pausierte, um als Hauptdarstellerin in einem Musical am Broadway aufzutreten. Und dann wieder zu nähen.

Anarchisten führen keine Kriege

Graebers Vater, ein Drucker, war im spanischen Bürgerkrieg bei den internationalen Brigaden in Barcelona, er fuhr Krankenwagen. Von der anarchistischen Stadtregierung hat er viel erzählt, ohne sich freilich zum Anarchismus zu bekennen. Dazu fehlte ihm der Mut. Er hatte aber, vor allem gegen Ende seines Lebens, immer weniger Einwände gegen die anarchistischen Auffassungen seines Sohnes. „Er sagte: Anarchie bringt Probleme, aber alle anderen Systeme doch auch.“ Der große Vorteil, laut Graeber: Anarchisten führen keine Kriege. „Das ist die eine Sache derer sie unfähig sind.“ Darum sind die Zeiten, in denen sich der Anarchismus als Theorie und als Bewegung gut entfalten konnte, jene, in denen kein Krieg drohte, der Nationalismus ist der größte Gegner des Anarchismus.

Graeber schaut immer wieder hinaus, will verstehen, was die Polizei mit den Blockupy-Demonstranten anstellt. Was kann daraus werden? Ein neues Achtundsechzig? Auch die Obrigkeit lernt schnell, sagt Graeber: Die Kriege in Afghanistan und im Irak wurden so geführt, dass sie möglichst wenig Bilder liefern, um keine Antikriegsbewegung anzufachen. Und in diesem Jahr verhindern Gerichtsurteile die Wiederholung der Occupy-Aktionen, kein Zelt und keine Plane wird rund um die Wall Street geduldet.

Bankenviertel als Krisengebiet

Man hat das Bankenviertel in Manhattan sogar zum Krisengebiet erklärt, um die Versammlungsfreiheit dort einzuschränken. Graeber lacht: „Egal was wir anmelden, es ist vorher schon verboten worden.“ Die Versammlungsfreiheit, ein Grundrecht der Vereinigten Staaten, ist rund um die Wall Street nur noch ein Ornament. „Wenn wir im Hyde Park demonstrieren wollten, würden sie auch noch speaker’s corner schließen.“ Und auch mit dem achten Artikel des Grundgesetzes war es an diesem langen, leeren Wochenende in Frankfurt nicht weit her.

Solch große Angst kann nur einem schlechten Gewissen entspringen. Man denkt an die hübsche Maxime von Georges Pompidou, nach der eine Revolution dann gesiegt hat, wenn sich die Idee ihrer Unvermeidlichkeit in den Köpfen ihrer Gegner festgesetzt hat. Und wenn eine ganze Stadt, eine ganze Branche sich aus lauter Angst tot stellt, so sieht das schon sehr eingeschüchtert aus. Wer andere Ansichten als Graeber pflegt, sollte die auch in der Diskussion mit ihm vertreten. Wäre der Finanzsektor nicht in einem fernen, furchtsamen Planeten verwandelt, gäbe es dort noch Berater aus der Außenwelt, so hätten die Frankfurter Banken am vergangenen Wochenende besser einen Tag der offenen Tür veranstaltet und die Diskussion mit David Graeber und seinen Lesern gesucht.

Die ganze Stadt hätte, in der Tradition der reichsstädtischen Liberalität, die Begegnung mit den Protestlern suchen sollen, samt Oberbürgermeister und Ebbelwoi-Express. Was hätte schon passieren können? Der große Welt- und Gelduntergang? Der droht auch so. Graeber reist einstweilen weiter, durch Deutschland, durch ganz Europa. Er vertritt keine Partei und stellt keine Forderungen, bloß die Freiheit der Gedanken. Wie Sartre in den Jahren, die zu den Ereignissen vom Mai 1968 führten. Er wird um so größer, je kleiner sich alle anderen machen.

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