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David Chipperfield im Gespräch : Sind unsere Städte noch zu retten?

  • -Aktualisiert am

Blick auf London: Die Skyline sieht schon schlimm aus, und Besserung ist nicht in Sicht. Bild: Bloomberg

Ausblick auf die Architektur des 21. Jahrhunderts: Ein Gespräch mit dem britischen Architekten David Chipperfield über städtebaulichen Irrsinn, das Problem von Architektur in 2 D und sein nicht sehr aufregendes Image.

          In den nächsten fünf Jahren wird sich Londons Skyline drastisch verändern. Mehr als 230 neue Hochhäuser sind geplant, viele davon sind bereits im Bau. Ist dies das Ende von London, wie wir es kennen?

          Es ist auf jeden Fall eine große Veränderung von Londons Identität. Aber ich glaube, die Frage ist nicht so sehr, ob das gut oder schlecht ist. Die Frage ist: Durch welchen Prozess kommt das zustande und zu welchem Grad fühlen sich die Menschen daran beteiligt?

          Zu einem sehr geringen, nehme ich mal an.

          Genau. Die meisten dieser Türme haben Baugenehmigungen erhalten, ohne dass jemand etwas davon mitbekam. Wie konnte das geschehen, und was sagt das über Londons Stadtplanung aus? Das ist die eine Frage. Die andere ist dann, ob einem die Türme gefallen.

          Sie unterstützen eine Kampagne, die durchsetzen will, das Design vieler Türme noch mal zu überarbeiten, weil es so schlecht sei. Gibt es Anzeichen, dass diese Kampagne irgendeinen Einfluss hat?

          Wie gesagt, ich glaube nicht, dass die Türme das Thema sind, sondern der Planungsprozess. In Berlin gibt es einen Stadtentwicklungsplan. Es gibt eine Senatsbaudirektorin, es gibt auf staatlicher Ebene einen Bauminister, das hat Gutes und Schlechtes, aber es gibt einen administrativen Prozess, der versucht, ziemlich präzise zu kontrollieren, wo und wie Entwicklung stattfinden kann. An einigen Orten versucht die Stadt, eine höhere Dichte von größeren Gebäuden zu fördern, etwa am Potsdamer Platz, am Alexanderplatz und jetzt am Zoo. Dort wird dann alles etwas freier gehandhabt, weil verstanden wurde, dass Investmentspekulationen heutzutage anders ablaufen als früher. Berlin folgt also noch einer altmodischen Strategie, es gibt einen Plan für die Stadt, und hier und da liberalisiert man ihn, um Kapital in die Stadt zu holen.

          Und in London?

          In London haben wir kein solches System. Riesige Flächen der Stadt sind gewissermaßen ohne Kontrolle. Das ist dann Potsdamer Platz überall. Während dagegen Berlin sagt, okay, was machen wir mit Investment, das in die Stadt kommen will? Sagen wir denen, dass sie nach Frankfurt gehen sollen? Oder was ist mit dem Alexanderplatz? Vielleicht könnte Frank Gehry da einen Turm hinbauen, und vielleicht wäre das okay. Also, es gibt diese zwei Denkrichtungen: Einerseits will man, dass eine Stadt ihr Aussehen bewahrt - andererseits will man Investment. Wie kriegt man das nun unter einen Hut.

          Sie scheinen ganz klar das Berlin-Modell zu favorisieren: dass es eine behördliche Kontrolle gibt.

          Ich glaube schon, dass dem Ganzen die Basis eines Plans zugrunde liegen sollte, ja. Das Problem ist, dass es Investoren abschreckt, wenn dies durch zu viele Vorschriften geregelt wird. Und wenn es zu freundlich gehandhabt wird, tötet es deine Stadt.

          Neulich nahmen Sie in Berlin an einer Podiumsdiskussion zum Thema Stadt teil und bedauerten dort, dass alles nur noch von kommerziellen Interessen gelenkt werde. Es fehle eine größere Vision davon, wie das Leben auf den Straßen heute aussehen könnte. Haben Sie denn eine solche Vision?

          Keine andere als die, die jeder hat. Ich mag eine Straße und einen Platz und einen Park und einen Garten - die konventionellen Formen einer bewohnten Stadt. Plätze von kommerziellen Projekten werden dagegen hauptsächlich nach Investoreninteressen entworfen. Die sagen nicht, wisst ihr was, es wäre doch echt nett, eine wirklich schöne Straße zu bauen. Sie rechnen: wie viele Quadratmeter Bürofläche können wir bauen. Und dann sagt jemand, ja, aber damit Sie die Genehmigung erhalten, müssen Sie auch einen öffentlichen Raum schaffen. Das tun sie dann, lustlos, als widerwilliges Zugeständnis. So ist die Realität.

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