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David Chipperfield im Gespräch : Sind unsere Städte noch zu retten?

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Sie meinen, wenn wir Räume schaffen würden, die unbequemer wären? Ungewöhnlicher? Ich weiß nicht mal, was heutzutage noch ungewöhnlich ist. Die gewöhnlichsten Räume sind heute die sehr exzentrischen und dekorierten. Cafés, Hotels - alles heute voller Design. Und was Apartmenthäuser angeht, so sind Architekten ja meist nicht für die Innenräume zuständig. Du designst die Treppenhäuser und die Vordertür, das war’s.

Das Guggenheim-Museum in Bilbao: „Wir kennen es“, sagt Chipperfield, „aber wir kennen es nicht. Wer noch nie dort war, weiß nicht, wie es sich anfühlt, in diesem Gebäude zu sein. Aber das zählt nicht, man kennt es, es gefällt einem vielleicht sogar. Aber was einem in Wahrheit gefällt, ist die Idee davon. Man weiß nicht, ob es sich gut anfühlt.“

Wie sehr denken Sie darüber nach, wie Menschen heute tatsächlich leben und wie Architektur darauf reagieren könnte? Es gibt sehr viele Singlehaushalte oder viele Eltern, die getrennt sind, ihre Kinder aber dennoch gemeinsam großziehen möchten. Darauf müsste Architektur doch bessere Antworten geben als immer dieselben kleinen oder großen Wohnungen, nein?

Das sind wichtige Dinge, die wir allerdings nicht angehen, denn niemand baut Häuser aus einem sozialen Gesichtspunkt heraus.

Aber wäre es nicht genau das, worüber Architekten heute nachdenken sollten?

Natürlich lässt sich darüber nachdenken, aber Architekten bauen ja nicht. Architekten bauen für andere Leute. Wir können nicht sagen, wir haben diese geniale Idee, wir setzen sie um, wenn der Staat keine sozialen Wohnbauten mehr errichtet - in England wird da gar nichts mehr getan, in Deutschland immer weniger. Was tatsächlich gebaut wird, dient kommerziellen Interessen. Kommerzieller Häuserbau ist aber nicht sonderlich interessiert daran, Lösungen für gesellschaftliche Probleme zu finden. Es geht um Profit.

Am Alexanderplatz wird Frank Gehry ein 39-stöckiges Hochhaus bauen, das höchste Wohngebäude Deutschlands. Mögen Sie seinen Entwurf?

Ich finde, die Architektur ist nicht so schlecht. Dass es um diesen Turm so eine Aufregung gab, lag nicht an der Architektur, sondern daran, dass auf einmal mitten in der Stadt ein kommerzielles Hochhaus entsteht. Ein Investment-Turm.

Hätte man nicht etwas wirklich Herausragendes dort realisieren sollen, etwas, das den Platz nach vorne bringt anstatt sich höflich und ein bisschen verschmitzt dort hinzustellen?

Ich verteidige es nicht, es scheint mir okay zu sein.

Als Sie vor zwei Jahren die Architekturbiennale in Venedig kuratierten, hatten Sie eine Botschaft an Ihre Kollegen: „Beeindruckt uns nicht mit Computerbildern eurer neuesten Türme. Erklärt uns lieber, wo eure Ideen herkommen, wie ihr arbeitet und wie ihr zu unserem allgemeinem Verständnis architektonischer Kultur beitragt“. Wie tragen Sie zu unserem allgemeinen Verständnis architektonischer Kultur bei?

Ich meinte damit, dass in unserer individualistischen Zeit Architekten die größere Story sind als Architektur, ihre Werke sind wie Markenzeichen, und deshalb versuchen sie sich anhand ihrer Unterschiede zu verkaufen. Das bringt der Markt so mit sich. Dabei haben wir doch alle mit denselben Problemen zu kämpfen. Ich wollte weg von dieser Duty-Free-Shop-Mentalität, wo man Architektur betrachtet wie Parfüms. Wo die Leute sagen, oh, den mag ich, die nicht so sehr.

Ich glaube, um die Qualität von Architektur zu verbessern, muss man den Dialog darüber verbessern. Und es ist nicht sinnvoll, nur über die Architekten oder deren Autobiographie zu sprechen. Klar kann man Zeitungen farbige Beilagen über den privaten Lifestyle von Zaha Hadid oder Frank Gehry beilegen, warum nicht, aber führt das am Ende zu besserer Architektur?

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