https://www.faz.net/-gqz-7oyk6

David Chipperfield im Gespräch : Sind unsere Städte noch zu retten?

  • -Aktualisiert am

Dafür sind Sie aber doch ganz gut im Geschäft.

Es ist gut, aber es wäre leichter, wenn unsere Bilder verführerischer wären. Ich glaube übrigens nicht, dass das für bessere Bauwerke sorgt. Aber wenn du einen Auftrag erhältst, kriegst du ihn nicht für ein Gebäude - du kriegst ihn für das Versprechen eines Gebäudes. Und das ist rein grafisch. Früher haben wir unsere Entwürfe gezeichnet, heute machen wir sie am Computer und können Bilder erschaffen, die realer aussehen als die Realität. Und dann stellt sich der Bauherr vor, dass das Gebäude einmal genau so aussehen wird. Dass dies kein Bild ist, sondern bereits das Gebäude. Das kommt unserer Arbeit nicht entgegen.

Ein Modell des von Chipperfield entworfenen „Nobelcenter“ bei Nacht. „Unser Ansatz ist bescheidener, leiser vielleicht“, sagt Chipperfield, „unsere Bilder wirken manchmal nicht sehr aufregend.“

Es ist bekannt, dass Sie nicht allzu viel übrig haben für Architektur, die so exzentrisch ist, dass sie als Kunst angesehen werden könnte. Was ist verkehrt daran?

Es stört mich nicht. Ich glaube nur nicht, dass die Welt es immer braucht. Nicht jedes Bürogebäude muss aussehen wie ein Museum. Mal braucht es ziemlich normale Stadtarchitektur, ein anderes Mal eben etwas Aufregenderes. Auch geht dieser Typus Architektur oft zu Lasten von anderen Qualitäten. Wie es sich in einem Gebäude anfühlt, zum Beispiel. Dass es vielleicht nett aussieht, aber wenn du es betrittst, ist es nicht gut gebaut, die Räume sind nicht gut, das Licht ist nicht gut . . . Aber heute wird eben nach Bildern entschieden, nicht anhand der Realität oder von Erfahrung. Jeder kennt das Guggenheim in Bilbao. Wir kennen es. Aber wir kennen es nicht. Wer noch nie dort war, weiß nicht, wie es sich anfühlt, in diesem Gebäude zu sein. Aber das zählt gar nicht, man kennt es, es gefällt einem vielleicht sogar. Aber was einem in Wahrheit gefällt, ist die Idee davon. Man weiß nicht, ob es sich gut anfühlt.

Waren Sie drin?

Ja. Es ist schon gut. Es ist nicht großartig innen, aber es ist sicherlich nicht schlecht. Ich kritisiere nicht das Gebäude, ich sage nur, dass Architektur heute nicht länger als etwas Erfahrbares wahrgenommen wird, so wie früher. Die Entscheider sehen Bilder von neuen Türmen und sagen, ja, gefällt uns, sieht verwegen aus, passt toll nach Singapur. Sie sagen nicht, ja, ich kenne Gebäude dieses Architekten, ich war bereits in einigen und schätze seine Arbeit.

Und es reizt Sie nicht, mal selbst was radikal Aufregendes, wie Sie es nennen, zu machen? Könnte ja auch innen gut gemacht sein.

Ich weiß nicht, ob wir dafür genug Phantasie haben. Nein, wir glauben an das Gegenteil. Dass etwas Aufregendes entsteht, wenn man seine Arbeit gut macht, wenn man gut baut. Und auch wenn unsere Arbeit nicht auffällig ist, haben wir uns einen guten Ruf bewahren können, weil unsere Arbeit eine Qualität hat, die die Leute erkannt haben.

Was aber, wenn das Wohnen in oder in der Nähe eines radikal anderen Gebäudes zu einem ganz anderen Leben führt? Was, wenn es eine elektrisierende Wirkung hat, in einem zackigen, asymmetrischen Gebäude aufzuwachen? Was, wenn es einen auf ganz andere Ideen bringt, als in demselben gedeckt beigen, normalen Haus zu leben wie alle anderen? Kann es nicht gut sein, Menschen durch Architektur herauszufordern?

Ja, aber dann setzen Sie voraus, dass Architektur solche Sachen erst ermöglicht.

Ich habe halt eine hohe Meinung von Architektur.

Weitere Themen

Topmeldungen

Gergely Karacsony am Sonntag nach seinem Wahlsieg in Budapest

Kommunalwahlen in Ungarn : Die Hauptstadt wendet sich gegen Orbán

Die Fidesz-Partei des Ministerpräsidenten erleidet empfindliche Niederlagen in Budapest und anderen wichtigen Städten. Das hat mit Skandalen und Korruptionsvorwürfen zu tun, aber auch mit einer Kooperationsstrategie der Opposition von links bis ganz rechts.
Der amtierende indische Ministerpräsident Narendra Modi

Hohe Verschuldung : Weltbank warnt vor indischer Krise

Die Lage der Banken wird prekärer. Von faulen Krediten im Volumen von rund 150 Milliarden Dollar ist die Rede. Nun schlagen die Probleme aus dem Finanzsektor auf die Binnenwirtschaft durch.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.