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David Chipperfield im Gespräch : Sind unsere Städte noch zu retten?

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Rem Koolhaas sagt, es sei nicht allein Schuld der Investoren, dass Städte heutzutage alle gleich aussähen. Dass sie alle diese seltsame Ähnlichkeit haben, als wäre man schon mal dort gewesen. Seiner Meinung nach liegt es auch daran, dass die Bauherren heute viel weniger persönlich involviert seien. Dass Geld wichtiger geworden sei, mehr Leute mitredeten. Heute wären neue große Gebäude hauptsächlich Investorenprojekte. Stimmen Sie ihm zu?

Ja, aber er sagt, dass die Immobilienentwickler nicht das einzige Problem seien, und dann sagt er, dass die Immobilienentwickler das einzige Problem seien, nein? Er bietet keine Alternative an, sondern bestätigt, dass es am Bauherrn liege. Dass es nicht genug exzentrische oder engagierte Bauherren gäbe, die individuelle Entscheidungen treffen. Es ist die Maschinerie des Investments, die die Entscheidungen trifft. Und die will Risiken vermindern. Und wenn Sie jedes Risiko rausnehmen und alle anderen exzentrischen Motivationen, dann bekommen Sie natürlich Fließbandware.

Der britische Architekt David Chipperfield hält nichts von exzentrischer Architektur für jedes Bürogebäude. Der „Guardian“ schrieb über ihn, er handele „in Sachen Würde, Autorität, Erinnerung und Kunst“.

Aber die Politik spielt dabei doch auch eine Rolle, indem sie Regeln aufstellt über die erlaubte Höhe von Neubauten, Materialien et cetera. In Berlin sehen doch die meisten neuen Gebäude absurd gleich aus.

Das Schlechteste, das man über Berlin sagen kann, ist, dass die neue Architektur hier ein wenig langweilig ist. Aber sie bringt niemanden um. Der Stimmann-Plan, dass man die Traufhöhe von 22 Metern respektieren solle und einen gewissen gediegenen Stil, mag zwar ein wenig konservativ sein, aber das war keine so schlechte Idee für die ersten Jahre nach der Wende. Damals war es wichtig, für Stabilität zu sorgen, aber es stimmt schon, dass die Architektur, die dabei herauskam, zuweilen ein bisschen öde ist. Aber höher als 22 Meter zu bauen garantiert auch nicht, dass etwas Aufregenderes dabei herauskommt.

Sie sind berühmt für Museumsbauten, allen voran natürlich das Neue Museum in Berlin. In Stockholm werden Sie das Haus bauen, in dem zukünftig der Nobelpreis verliehen werden soll. Der „Guardian“ schrieb, Sie „handeln in Sachen Würde, Autorität, Erinnerung und Kunst“. Hätten Sie manchmal gerne ein anderes Image?

Es ist schon ein bisschen arg staatstragend. Aber wir haben einfach oft mit Situationen zu tun, in denen wir versuchen, eine Beziehung herzustellen zwischen dem, was war, und dem, was ist. Ich sehe Architektur als Bindeglied zwischen dem Individuum und der Stadt, zwischen Geschichte und Gegenwart, und deshalb sind wir nicht so sehr an autobiographischer Architektur interessiert. Uns interessiert Architektur, die sich aus der Biographie eines Ortes oder den äußeren Umständen ergibt.

Sie haben mal gesagt, Sie wüssten wohl, dass Ihre Arbeit langweilig sei. Sie kämen sich unoriginell vor, „wie ein Dinosaurier manchmal“. Wie meinten Sie das?

In einer architektonischen Landschaft, in der sich das Profil von Architektur und, vermutlich noch wichtiger, das Profil von Architekten auf sehr starke Bilder und sehr laute Zeichen gründet, achten wir sehr darauf, nicht Teil dieser Landschaft zu sein. Unser Ansatz ist bescheidener, leiser vielleicht. Aber natürlich ist einem manchmal sehr bewusst, dass die anderen alle viel Lärm machen und wir eben nicht. Und dafür werden wir auch oft abgestraft, was die Aufträge angeht. Denn wenn du an Wettbewerben teilnimmst und deine Arbeit zeigst, basiert sie auf Bildern. Der Bauherr oder wer immer entscheidet, sieht sich Bilder an, kein Gebäude. Und unsere Bilder wirken einfach manchmal nicht sehr aufregend.

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