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David Bowie : Der vertraute Fremde

  • -Aktualisiert am

Jüngst erst erschien seine neue Platte „Black Star“. Am 10. Januar starb David Bowie im Alter von 69 Jahren. Bild: Sony Music

Er ging mit der Zeit und prägte Epochen: Unzählige Künstlerinnen und Künstler singen, reden, denken, spielen, texten oder bewegen sich wie irgendeine Idee von David Bowie.

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          Sein erster großer Hitparadenerfolg war 1969 der Monolog eines heimwehkranken Astronauten, „Space Oddity“. 1976 spielte der Sänger dann im Kino den „Mann, der vom Himmel fiel“, einen Fremdling, der sich auf der Erde unter all den zudringlichen, banalen und verständnislosen Menschen etwa so fühlte wie begabte Jugendliche im Provinznest – oder ein besonders vielseitiger Künstler in einer Berufssparte, die, wie die Popmusik, allzu oft davon lebt, die Widersprüchlichkeit wirklicher Menschen zu Typen zu verengen und zu verflachen. An Popstars soll sich die Kundschaft ein Lebensstil-Beispiel nehmen oder sie für die Unerreichbarkeit ihrer Vorzüge anstaunen.

          Bowie verkörperte im Tonstudio, auf der Bühne und im Film den schlechthin Fremden, Entrückten. Jede seiner Rollen spitzte er rasch wieder auf den Rollenbruch zu. Einsamer Astronaut, Gestrandeter von ganz weit draußen: Bowie stellte nicht nur selbst das dar, was geliebt wird, obwohl es keine Stallwärme abstrahlt, sondern fühlte sich davon auch lebenslang angezogen – wie jemand, dem es nie genügte, einfach der zu sein, der er ist: „Loving the Alien“, den Außerirdischen (aber auch, schlichter: das Fremde) lieben, das war ihm, wie ein Lied von 1984 bekennt, ein Verfahren, dem traurigen Blick auf das Immergleiche zu entkommen, „the saddest view“.

          Dass Bowie die Musikstile, Geschlechterattribute und sonstigen Ausdrucksmittel noch häufiger wechselte als die Wohnorte, wissen selbst Leute, die keine einzige Platte von ihm besitzen. Dass er das tat, um nicht im Image steckenzubleiben, um wieder und wieder von vorn anzufangen, ist eine Vermutung, für die sich sogar ein (von einem Romantitel geliehener) Songtitel aus seinem Repertoire finden lässt: „Absolute Beginners“ von 1986. Eine deutsche Hip-Hop-Band heißt fast genau wie dieses Stück, und unzählige Künstlerinnen und Künstler singen, reden, denken, spielen, texten oder bewegen sich wie irgendeine Idee von Bowie. Seine diversen Einzigartigkeiten verdankte er dem Umstand, dass er genau wusste: Kulturgeschichte macht niemand ganz alleine, man reagiert dabei immer auf eine Epoche und prägt sie mit. Das Zeitalter der Massen und ihrer Medien hat mit Bowies Tod am Sonntag seinen vertrautesten Fremden verloren.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

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