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Datenschutz im Internet : Jetzt fallen die Masken

  • -Aktualisiert am

Gerätekennungen und Ortsiformationen: Googles Datenschutzänderung hat es in sich Bild: dapd

Google und Facebook haben nun offenbar die letzte Scheu verloren: Die Giganten des Internets ändern ihre Datenschutzbestimmungen und bereiten den nächsten großen Schritt vor, um allwissend und unentbehrlich zu werden.

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          Die Warnungen sind nicht neu: Die Netzgiganten Facebook und Google sind keine „sozialen Netzwerke“ oder Suchmaschinen. Es sind Nutzerdaten-Vermarkter mit dem Ziel, Werbung individueller und gezielter an den Konsumenten zu bringen. Doch in zunehmendem Maße werden Kritiker, die auf diese simple Tatsache hinweisen, als Spielverderber und Online-Spaßbremsen verunglimpft: Was soll schon dabei sein, ein wenig Werbung hier und da, die besser zugeschnitten ist und deswegen weniger nervt. In den letzten Wochen und Monaten jedoch wurde es sogar manchem hartgesottenen Apologeten mulmig.

          Was war geschehen? Den Anfang machte Google mit der Erzwingung von anzugebenden Realnamen in seinem neu gestarteten Dienst Google+. Man wolle schließlich den Nutzer kennen, lautete die vage Begründung nach den ersten zaghaften Protesten. Wie immer beim weltgrößten Werbekonzern, war bereits das weitere Vorgehen geplant, sorgfältig abgewogen und getestet. Denn im nächsten Schritt werden nun die Google-Datenschutzbestimmungen geändert.

          Für immer gespeichert

          Es klingt erst einmal harmlos, schließlich sind die Nutzer solche Änderungen alle paar Monate bereits gewohnt: Man hat ohnehin keine Wahl, man nimmt es hin. Diese Änderung jedoch hat es in sich. Die „Vereinheitlichung“ der Klauseln bringt eine Verknüpfung der Datenbestände der Google-Dienste mit sich. Was bisher getrennt gehandhabt wurde, wird nun verbunden und zusammengeführt. Suchanfragen, Google-Mail, Google-Dokumente, Chat-Daten, umfangreiche Nutzungsdetails der Android-Smartphones, soziale Kontakte bei Google+, mit einiger Wahrscheinlichkeit demnächst auch noch, welche Filme bei der Google-Tochter Youtube angesehen wurden - all das fließt künftig in ein umfassendes Nutzerprofil.

          Die Details der neuen „Datenschutzerklärung“ sind haarsträubend. Google genehmigt sich darin nicht nur den Zugriff auf Telefonnummern und Gerätekennungen, sondern auch auf Nummern, Datum und Uhrzeit von Anrufen und SMS sowie verfügbare Ortsinformationen. De facto startet der Wissensmonopolist eine komplette Vorratsdatenspeicherung - mit unklarer Speicherfrist. Und damit es nicht allzu bedrohlich klingt, sind in dem verharmlosend formulierten Text immer wieder Vokabeln wie „möglicherweise“ und „unter Umständen“ eingestreut. Doch die am 1. März in Kraft tretenden Bestimmungen sind ein frontaler Angriff auf die Kernideen der informationellen Selbstbestimmung von Datensparsamkeit bis Zweckbestimmung. Gespeichert wird auf Vorrat, quasi für immer und so viel, wie nur geht.

          Ein allwissender Lebenshelfer?

          „Don’t be evil“ ist definitiv vorbei. Und es gibt kaum ein Entrinnen, denn der als Suchmaschine getarnte Werbekonzern hat sich in unser aller Online-Leben gefressen. Besonders perfide ist die Situation bei den Android-Telefonen. Ohne Anlegen einer Google-Identität kann man die Funktionen der Geräte nur sehr eingeschränkt nutzen. Das Installieren von Applikationen über den Android-Markt ist nicht möglich, es sei denn, der Nutzer löst sich aus den Google-Fesseln und installiert - soweit verfügbar - eine der freien Varianten des Android-Betriebssystems, die mehr Kontrolle und Steuerungsmöglichkeiten erlauben. Dem unerfahrenen Nutzer bleiben kaum Optionen. Allenfalls kann er sich einen separaten Google-Account für sein Telefon anlegen, um das Datenprofil auf ein Gerät zu beschränken.

          Auch der zweite große Datenplatzhirsch und direkte Konkurrent im Online-Werbemarkt, Facebook, hat in Vorbereitung seines Börsengangs alle Scheu verloren. Wenn man in der englischen Version auf die „Privacy“-Seite klickt, lautet die Überschrift dort schon entlarvend „Data Use Policy“. Es geht nicht mehr um die Privatsphäre, sondern nur noch um die Datennutzung. In der Konkurrenz zwischen Google und Facebook wird die „Stickiness“ zum entscheidenden Faktor: Wie viele der Nutzer bleiben wie lange bei den Diensten kleben? Die Online-Universen von Google und Facebook zielen darauf ab, dass man sich nie mehr ausloggt. Jeder Klick online und mobil wird verfolgt, jede Handlung analysierbar. Es geht um den großen nächsten Schritt, von Suchmaschine und „sozialem Netzwerk“ zum allwissenden Lebenshelfer.

          Zu viel Macht, zu viel Sicherheit

          Nur wenn das Bild des Einzelnen immer vollständiger wird, wenn möglichst kein Aspekt des Lebens unbeachtet bleibt und jede digitale Lebensäußerung erfasst und analysiert werden kann, wird der Nutzer wirklich individuell vermarktbar. Die Vorhersagbarkeit von Handlungen ermöglicht die Plazierung von Werbung, die als wohlmeinende, intelligente Empfehlung des algorithmischen Beraters daherkommt. Apples Siri auf dem iPhone zeigt bereits, wohin die Reise geht. Google und Facebook sind hier noch auf technologischer Aufholjagd, aber sie verfügen über ungleich umfangreichere Datenbestände, insbesondere zu sozialen Kontakten, Interessen und Gewohnheiten.

          Doch warum sind die Masken bezüglich der Datenverwertung gefallen? Sowohl Google als auch Facebook sind sich ihrer Sache mittlerweile vollkommen sicher. Sie gelten momentan als unentbehrlich, schlicht nicht mehr wegzudenken aus dem digitalen Alltag. Vergessen ist die Tatsache, dass es auch zuvor schon ein reiches soziales Leben im Netz gab.

          Die Masse der Nutzer ist bereits eingefangen. Sich wieder zu lösen, wird schwerer und schwerer. Alternativen und Dienste ohne Datenerfassung fristen ein Nischendasein, und das ist gerade bei virtuellen sozialen Diensten selbstverstärkend. Dass die Nutzer woanders hingehen würden, wenn es ihnen zu bunt würde mit der Datenhortung, hat sich nicht bewahrheitet. Denn es gibt kein „woanders“, wenn die Freunde, Familie und Kollegen dort nicht sind.

          Die meisten Nutzer haben ohnehin genug damit zu tun, ihr soziales Netz zu unterhalten und zu pflegen, ihre „Freunde“ zu managen. Schon ein zweiter Dienst führt schnell zu einer Entweder-oder-Entscheidung, wie kürzlich das deutsche StudiVZ lernen musste. Mit dem Siegeszug von Facebook wurden die früheren Nutzer dort schnell zu Karteileichen. Die entstandene Situation ist im Wirtschaftsleben keine unbekannte. Es handelt sich um ein Oligopol, das der tatkräftigen Regulierung bedürfte, nicht nur mit den stumpfen Mitteln des antiquierten Datenschutzrechts. Doch dafür fehlt derzeit offenbar der politische Wille.

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