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Datenschutz : Der Stromzähler ist ein Spion im Haus

  • -Aktualisiert am

Der Stromzähler kann zum Big Brother werden Bild: AP

Vom Datenschutz war auf dem IT-Gipfel der Bundesregierung nur wenig zu hören. Der intelligente Strom, der dort gepriesen wurde, ist aber voller Tücken.

          Wenn auf dem Gipfel die Sonne lacht, kann es im Tal düster sein und regnen. Auf dem IT-Gipfel der Bundesregierung in München strahlte am vergangenen Dienstag die Zukunft. Smart Grids, intelligente Strom- und Kommunikationsnetze, standen im Mittelpunkt des Schaulaufens der IT-Branche. Im Brustton der Überzeugung erklärte Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler den Journalisten seine Rechnung: Wir brauchen intelligente Stromnetze zur konkreten Umsetzung der Energiewende: „Smarte Netze mit ,Smart Metering‘ bringen deutliche Einsparungen und für Deutschland den Marktvorteil der Energiewende. Die Stromtechnik wird zum Exportschlager.“

          Der Stromzähler weiß, was im Fernseher läuft

          Smart Meter, intelligente Stromzähler, sind in dieser Perspektive mehr als Tüpfelchen auf dem i. Sie melden den Stromverbrauch eines Haushaltes alle fünf Sekunden an einen Server. Sie sind für das „Demand Site Management“ zuständig, wenn Haushalte Strom erzeugen und ins Netz einspeichern. 1600 Smart Meter für Strom, Wasser und Gas werden in einem Smart-Grid-Versuchsprojekt der Deutschen Telekom in Friedrichshafen in einem Stadtteil eingesetzt, in dem ein Blockheizkraftwerk, mehrere Photovoltaik-Anlangen von privaten Haushalten, drei kleine Flusskraftwerke und eine Brennstoffzellen-Anlage zu einem virtuellen Stromerzeuger zusammengeschlossen sind.

          Wo Daten anfallen, können sie interpretiert werden. Dafür ist keine große Rechenleistung erforderlich. Auf der Fachmesse Conlife berichtete Gabriele Riedmann de Trinidad, bei der Telekom Leiterin der Energiesparte vom Versuchsprojekt in Friedrichshafen: „Eine der teilnehmenden Familien hat uns gesagt, dass sie anhand des Stromverbrauchs nachsehen, wann die Kinder am Abend nach Hause gekommen sind.“ Noch eindrücklicher ist das, was Forscher der Fachhochschule Münster im Rahmen des vom Bund geförderten Projekts „DaPriM“ (Data Privacy Management) herausgefunden haben. Sie analysierten die Verbrauchswerte eines intelligenten Stromzählers und konnten aus den Verbrauchsmustern darauf schließen, welches Fernsehprogramm geschaut wurde.

          Manchmal sind wir von der Realität entfernt

          Abschnitte von Fernsehsendungen, in denen besonders helle und dann wieder dunkle Bilder ausgestrahlt werden, führen zu einem messbaren Wechsel des Stromverbrauchs, fanden die Forscher mit einem handelsüblichen intelligenten Zähler heraus, der seine Daten alle zwei Sekunden zu einem Dienstleister schickte. Ein einfaches Durchrechnen der Hell-dunkel-Sequenzen erzeugt so den „Fingerabdruck“ einer Sendung, nach dem in den Verbrauchsdaten gefahndet werden kann. Mit dem Verfahren kann auch festgestellt werden, welcher Film von einem DVD-System abgespielt wird. Big Brother muss nicht mehr selbst zuschauen, er hat ja die detaillierten Stromprotokolle. Die Münsteraner Forscher zogen aus ihren Untersuchungen den Schluss, dass für intelligente Stromzähler neue Datenschutzbestimmungen erforderlich seien. Denkbar wäre ein Verbot, die Verbrauchswerte im Detail zu übermitteln - Energie-Dienstleister dürften dann statistische Zusammenfassungen nur im Stundentakt erhalten.

          Vom Datenschutz war auf dem IT-Gipfel der Bundesregierung nur wenig zu hören. „Wir sind im Datenschutz weit vorne, manchmal aber auch ein bisschen von der Realität entfernt“, meinte Röslers parlamentarischer Staatssekretär Hans-Joachim Otto in München. Seine Aussage war auf das merkwürdige Verhältnis der Deutschen zu Googles Street View gemünzt. Bleibt nur zu hoffen, dass Deutschland im Datenschutz weiter „vorne“ dabei ist, wenn intelligente Stromzähler in allen Haushalten Realität sind.

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