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Edo Reents (edo.)

Das Zeichen des Kandidaten : Schlimmer Finger

  • -Aktualisiert am

Peer Steinbrücks derbe Gestik kennt viele Vorbilder - nicht alle davon sind unrühmlich. Will er sich am Ende doch selbst aus dem Spiel nehmen?

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          Die bekannte Geschichte des Stinkefingers beginnt bei Johnny Cash, der ihn 1969 während eines Gefängnis-Konzerts reckte, und zwar nicht etwa den Insassen, mit denen er sich ja eher zu identifizieren schien, sondern – auf diese Lesart hat sich die Nachwelt inzwischen geeinigt – einem ihm lästigen Kameramann. Cash trug dabei übrigens eine Art Blaumann, bald kamen Poster davon in Umlauf, und eines davon benutzte Cashs letzter Produzent Rick Rubin für eine ohne Zweifel hämisch gemeinte Anzeige, mit welcher dem Country-Establishment, das von Cash nichts mehr wissen wollte, mal so richtig Bescheid gegeben werden sollte: F...t euch doch, Johnny kommt auch ohne euch zurecht! Interessant ist vielleicht noch, dass eben dieser Arbeitsoverall, den sich der Sänger seinerzeit für diese obszöne Geste übergezogen hatte, vor drei Jahren bei einer Auktion von Cash- Hinterlassenschaft 50.000 Dollar erzielt hat.

          Wer ihn gekauft hat, wissen wir nicht, Steinbrück wird es kaum gewesen sein, denn der trug am Freitag im SZ-Magazin eindeutig ein dunkles Jackett, allerdings, als wollte er sich uns jetzt schon als rundum freier Mann präsentieren, mit irritierend heller Hose. 50.000 Dollar: Auch wenn das in Euro etwas weniger sind – das ist immer noch erheblich mehr, als Steinbrück je für einen seiner Vorträge eingestrichen hat. Es dürfte den Kanzlerkandidaten nicht kaltlassen, dass sogar noch das Poster mit Cash, Blaumann und Mittelfinger 25.000 Dollar erbrachte. Sollte er also sein Jackett behalten wollen – das bloße Foto täte es dann auch, vorausgesetzt, das SZ-Magazin rückt die Rechte heraus. Was den Stinkefinger als solchen betrifft, den gibt es schon seit der Antike.

          Deutschland hat aufgeholt

          Es war unter anderen Catull, der ihn angriffslustigen Menschen anempfahl, abgesehen davon, dass der Stinkefinger ganz allgemein natürlich für das erigierte Glied stand, und zwar wahrscheinlich eher in animierender als beleidigender Absicht. Im mittelalterlichen England benutzten ihn Bogenschützen zum Zeichen, dass sie ihr Gegenüber ohne weiteres mit dem Pfeil totschießen könnten. Umgekehrt reckten sie ihn während des Hundertjährigen Krieges gegenüber französischen Soldaten, um diesen zu signalisieren, dass sie heil davongekommen waren, denn Gefangene wurden unschädlich gemacht, indem man ihnen Zeige- und Mittelfinger abschnitt.

          Komischerweise war der Stinkefinger in Deutschland bis in die sechziger Jahre (des vergangenen Jahrhunderts) hinein praktisch unbekannt. Aber der Rückstand zu griechisch-römischen Lüstlingen und englischen Rowdys wurde zügig aufgeholt, man denke nur an Stefan Effenberg, der allerdings vom DFB aussortiert wurde. Das könnte Steinbrück nun auch bald passieren. Sein Sprecher soll ihm noch davon abgeraten haben, das Foto freizugeben. Hätte der Kandidat doch nur auf ihn gehört! Andererseits: Hätte-hätte, Fahrradkette.

          Edo Reents
          Redakteur im Feuilleton.

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