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Das Videospiel „Hellblade“ : Ihr gehen die Stimmen nicht aus dem Kopf

Waldbrandgefahr: Um nach Helheim zu kommen, muss sich Senua unter anderem dem Feuergott Surt stellen.

So folgen der Kriegerin nicht nur jene, die sich ohnehin für die Welt der nordischen und keltischen Mythologie begeistern können, auf ihrem Weg ins Herz von Helheim. Dort, wo Hel, Tochter des Gottes Loki und der Riesin Angrboda, auf sie wartet. Doch bevor sie überhaupt das über und über mit kunstvoll verschlungenem Band-Ornament überzogene Höllentor, das sie auf der Totenbrücke „Gjallarbru“ über den Fluss „Gjöll“ führen soll, öffnen kann, muss sie den Feuergott „Surt“ und den Rabengaukler „Valravn“ besiegen. Das alles ist nicht unbedingt nahe an der Edda – ursprünglich wurde die Brücke von einer Riesin bewacht –, doch das macht jetzt auch nichts mehr, denn schon formieren sich die Schatten zu gewaltigen Hünen, die schartige Schwerter und auf dem Haupt schaurige Helme aus Pferdeknochen tragen. Es sind die blutdurstigen Nordmänner, durch deren Mythologie hier so wild wie kunstvoll geritten wird. Sie wollen Senua ans Leder und kommen bedrohlich langsam und betont lässig auf sie zu.

Die Tastenbefehle, die Senua ihre tödlichen Schwertstreiche ausführen lässt, hat auch der Spieler schnell gelernt. Nur sollte er niemals vergessen, dass es eine Taste zum Parieren gibt. Zuvor ist man nämlich gewarnt worden: Für jeden Tod, den Senua stirbt, kriecht die Dunkelheit, die bisher nur auf ihrer rechten Hand zu sehen war, ein Stück weiter in Richtung Kopf. „Wenn sie den Kopf erreicht“, so wird in großen weißen Lettern eingeblendet, „dann endet Senuas Reise, und der gesamte Spielfortschritt ist verloren.“ Damit beginnt der garstige Teil des Spiels. Der ein wenig an die Spielmechanik von „Dark Souls“ erinnert, wo es auch darauf ankam, sich nicht treffen zu lassen. Denn so schnell Senua mit ihrem Keltenstahl in die Gegner fährt, so rasch liegt sie selbst am Boden, während die Stimmen sie gleichzeitig auslachen und anfeuern. Ist sie geschwächt, sind ihre Schläge langsam und unpräzise.

Rabenaas: Sieht man ihn sonst meist aus der Ferne, kommt Valravn der Keltenkriegerin in seinem Hort gefährlich nahe.

Glücklicherweise wechseln jene Bereiche, in denen gekämpft wird, sich regelmäßig mit solchen ab, in denen Senua Tore öffnen und Wege finden muss – indem sie Rätsel löst und in ihrer Umgebung Symbole erkennt. In Valravns Reich ist nichts wie es scheint. Um Tore zu öffnen, muss der Spieler die Dinge hier aus der richtigen Perspektive betrachten. Stets schwebt die beunruhigende Gestalt des gefiederten Gauklers in der Ferne und beobachtet Senua mit ruckartigen Bewegungen seines Kopfes durch seine Vogelmaske. Vielleicht und nur vielleicht, wird es den Horrorspiel-Fans nichts ausmachen, für den Rest ist allein dies von erlesener Gruseligkeit. Wehe aber, man ist am Nest des Verwirrers angelangt. Da ist es schnell vorbei mit dem Versteckspiel. Und wer seine Abwehr nicht beherrscht und den wütenden Stößen des Rabengottes auszuweichen weiß, der stirbt – mal wieder – tausend Tode.

So ist das Grundmuster des Spieles, puzzeln, zuschlagen, parieren, ducken, sterben und leiden, fast schon schlicht. Auch ist das Spiel mit einer Spielzeit von etwa zehn Stunden vergleichsweise schnell erledigt. Doch muss man es überhaupt erst einmal bis über Hels klingende Türschwelle „Fallandaforad“ schaffen. Da hat man Stunden später noch einen Ruhepuls von 85.

So ist „Hellblade“ mehr eine kurze, aber intensive Reise, die einem zu jeder Sekunde die Haare zu Berge stehen lässt. Kein Spiel, bei dem man sich mit Freunden vor der Konsole vergnügt. Ganz ohne aber besser auch nicht. Doch wenn ein Videospiel sich auf ein solches Thema einlässt, bleibt am Ende die Frage: Kann, soll oder muss es helfen, Menschen zu verstehen, die unter ihrer psychischen Störung grausame Qualen leiden? Das ist nicht nur in diesem Fall sicher zu viel verlangt. Selbst wenn immer wieder versucht wird, zu belegen, dass Computerspiele in bestimmten Kontexten helfen können, sich in Extremsituationen einzufühlen.

Das ist kein Spiel. Das ist blutiger Ernst. Ein Splitter von dieser unserer Welt; im finsteren Herzen einer Anderswelt. Es ist eine Überforderung und vielleicht auch eine Frechheit – aber es ist gewaltig. Senuas Reise wird manchen Spieler weit länger beschäftigen, als es die meisten Charaktere vergangener Hochglanztitel je vermocht haben. An ihrer Seite wandelt man noch lange durch das „unheimliche Tal“.

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