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„Das unsichtbare Mädchen“ : Ein Mord ohne Leiche

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Wie in Trance: Seit dem Verschwinden ihrer Tochter ist das Leben von Imma Kolb (Silke Bodenbender) aus den Fugen Bild: © ZDF/Julia von Vietinghoff

Dominik Graf zeigt, wie Heikles im Fernsehen dargestellt werden kann. Der Intrigen-Krimi „Das unsichtbare Mädchen“ handelt ebenso klar wie dezent von Kinderprostitution.

          Für gewöhnlich geht Krimi im Fernsehen so: Im juristischen und moralischen Sinne schuldige Personen besetzen ein Aufregerthema (Korruption, Prostitution, Lebensmittelskandal), der eine oder andere Mord setzt die Geschichte in Gang, womit die Guten (die Kommissare) Gelegenheit zur Aufklärung bekommen. Im Vordergrund steht stets die Psychologie der Figuren. Viel Aufwand verwendet das Drehbuch darauf, Motive zu erklären. Im Mittelpunkt steht die Frage nach dem Grund der Tat oder die kalkulierte Fassungslosigkeit, wenn man sie nicht erklären will. Und mag das Thema noch so hart sein, die Bilder, die der Zuschauer zu sehen bekommt, sind es keineswegs. Der gewöhnliche Fernsehfilm als Krimi nimmt den Konsumenten an die Hand. Man muss auf die Zuschauergewohnheiten Rücksicht nehmen, heißt es. Fernsehen ist ein affirmatives Handwerk, kein kritisches.

          So viel zum deutschen Durchschnittskrimi. Und dann gibt es Dominik Graf. Vor einigen Jahren noch diskutierte die Grimme-Jury immer wieder erhitzt darüber, ob man ihm denn schon wieder einen Preis geben solle. Jedes Mal aber war der Fernsehfilm oder die Serie, die zur Debatte stand, über fast jeden Zweifel erhaben. Meist beschloss die Jury am Ende, dass sie nicht umhinkomme, Dominik Grafs Ausnahmekunst zu würdigen (bis auf das Jahr, in dem sich kaum jemand für den großartigen Clemens-Brentano-Film „Das Gelübde“ erwärmen konnte). Vor kurzem erhielt Dominik Graf auf der Bühne des Marler Stadttheaters seinen zehnten Grimme-Preis. Damit ist er einsamer Rekordhalter.

          Der Fall spaltet die Bewohner

          Wer sehen möchte, was Grafs Fernsehfilme und Serien (unter anderem „Hotte im Paradies“, „Polizeiruf 110: Er sollte tot“, „Eine Stadt wird erpresst“ und „Im Angesicht des Verbrechens“) von anderen Fernsehstücken unterscheidet, hat mit „Das unsichtbare Mädchen“ bei Arte nun wieder einmal Gelegenheit zum Studium. Das Drehbuch stammt von Friedrich Ani (“Tabor Süden und der Luftgitarrist“), der es zusammen mit der Dokumentarfilmerin Ina Jung verfasst hat. Seine Idee hat der Film, der mit der Bezeichnung „Landschaftsthriller“ auftritt, vom tatsächlichen „Fall Peggy“, die 2001 im oberfränkischen Lichtenberg verschwand. Eine Leiche wurde nie gefunden, stattdessen ein Mörder. Beziehungsweise ein geistig zurückgebliebener Jugendlicher, der nach intensiven Verhören die Tat gestand.

          “Das unsichtbare Mädchen“ nimmt den Fall auf und entwickelt ihn nicht auf erklärender, sondern Graf-typisch zuallererst auf visueller Ebene direkt, brutal und mit großer Wucht. Im deutsch-tschechischen Grenzgebiet ist vor zehn Jahren ein kleines Mädchen verschwunden. Die „Aufklärung“ des „Falles Sina“ spaltet die Bewohner des Städtchens Eisenstein im Bärental bis heute. Quer durch das Dorfgasthaus zieht sich eine rote Demarkationslinie - auf der einen Seite sitzen die, die an die Unschuld des verurteilten geistesschwachen Jugendlichen glauben, auf der anderen Seite die Vertreter der zweiten „SoKo Sina“ mit ihrem Vorgesetzten Michel (in seinem Element: Ulrich Noethen), der für einen schnellen Ermittlungserfolg sorgte, nachdem der erste SoKo-Leiter Altendorf (Elmar Wepper) nach dem Geschmack der Politik zu lange erfolglos blieb. Inge-Maria Kolb (selten gut als Wrack und Dorfschlampe: Silke Bodenbender) ließ ein leeres Grab auf dem Friedhof herrichten.

          Wer ist Sinas Mörder? Die Kommissare suchen nach Hinweisen Bilderstrecke

          Durch Zufall gerät der Berliner Polizist Tanner (Ronald Zehrfeld) nach Eisenstein und überfährt fast eine weibliche Leiche am Straßenrand. Es gibt Spuren, die zum „Fall Sina“ und auf Verbindungen zum „Luzi-Club“ auf tschechischer Seite deuten. Michel schaltet den Staatssekretär Nieberger (Tim Bergmann) und den bayerischen Innenminister Stock (Hubert Burczek) ein, der sich gerade um das Amt des Ministerpräsidenten bewirbt. Dass es sich - neben der menschlichen Tragödie mehrerer zerstörter Leben - hier um einen gewaltigen Justiz- und Politikskandal handelt, ahnt man schnell.

          Ansonsten aber kommt in „Das unsichtbare Mädchen“ manches anders als erwartet. Um Fernsehkonventionen schert Graf sich kaum. Beziehungen werden nicht erklärt, sie zeigen sich (oder auch nicht) in den Szenen allmählich. Figuren werden ganz zum Schluss noch eingeführt, Handlungen nicht psychologisch motiviert, die Figuren tun und prügeln und reden und lassen etwas, und der Zuschauer muss sich seinen Reim darauf machen.

          Politik wurde selten so schmutzig gezeigt

          In einer kurzen, anscheinend bloß zufällig eingefügten Einstellung steht ein etwa zehnjähriges Mädchen im Bikini im Schwimmbad und quengelt: „Keiner spielt mit mir.“ Hinter ihr am Zaun hängt ein Schild „Erotikmesse Sihl“. Mit solcher Zusammenschau, gleichermaßen entlarvend wie beunruhigend, arbeitet Dominik Graf oft (Kamera: Michael Wiesweg und Hendrik A. Kley). Der Staatssekretär schaut auffällig lange auf ein Boulevardblattfoto, auf dem seine dreizehnjährige Tochter im Arm des Innenministers zu sehen ist. Bei manchen Gesprächen bleibt der Zuschauer „draußen“, sieht die Personen nur gestikulieren und reden.

          In „Das unsichtbare Mädchen“ bleibt vieles angedeutet. Gleichwohl ist das Thema Kinderprostitution im Fernsehen selten so deutlich dargestellt worden; ist Politik selten als so schmutziges Geschäft zu sehen gewesen. Schonungslos realistisch in mehrfacher Hinsicht, zeigt Grafs neuer Film mit einem grandiosen Ensemble einmal mehr, was diesen Regisseur auszeichnet.

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