https://www.faz.net/-gqz-6klm8

Das ultrakonservative Amerika : Gut gedüngte Graswurzeln

  • -Aktualisiert am

Kapitol und Kapital - Die Tea Party demonstriert in Washington Bild: AFP

Zwischen Chef-Etage und Tea Party entsteht ein neues Bild von Amerika: Die Reichen des Landes drängt es in die Politik. Sie nutzen dazu die diffuse Wut der Wähler. Und sie scheuen sich keineswegs, für ihren Kampf gegen Obama hohe Millionensumme in den politischen Ring zu werfen.

          Seit zwei Jahren heißt das New York State Theater, das im Lincoln Center vom New York City Ballet und der New York City Opera bespielt wird, David H. Koch Theater. Die Namensänderung erfolgte aufgrund einer Zuwendung von hundert Millionen Dollar, auszuzahlen über zehn Jahre und zu verwenden für die Renovierung des Theaters. Den edlen Spender kannten damals die wenigsten New Yorker.

          Dabei hatte er immer wieder viele Millionen verteilt: ans American Museum of Natural History, an das Metropolitan Museum of Art, das American Ballet Theatre, das Memorial Sloan-Kettering Cancer Center, das New York Presbyterian Hospital, das Massachusetts Institute of Technology, die Johns Hopkins University und viele andere kulturelle, akademische und gemeinnützige Einrichtungen. David H. Koch schaffte es dennoch, sich dem grellsten Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit zu entziehen.

          Das ist umso eindrucksvoller, als er gemeinsam mit seinem Bruder Charles über einen der größten Mischkonzerne Amerikas herrscht. Koch Industries setzen sich zusammen aus Ölraffinerien, Pipelines, Chemiewerken, Nahrungsmittelherstellern und Fabriken, in denen Papierhandtücher, Pappbecher, Teppichböden und Lycrastoffe erzeugt werden. Reicher als die Brüder Koch zusammen sind in den Vereinigten Staaten nur noch Bill Gates und Warren Buffett. David H. Koch braucht also bei seinem mäzenatischen Einsatz keine Zurückhaltung zu üben.

          Erst feuern, dann fördern: Die Hewlett-Packard-Chefin und republkikanische Senatskandidatin Carly Fiorina versucht Widersprüche zu glätten

          Der Finanz-Feldzug der Kochs gegen Obama

          Dass es da einen kleinen Schönheitsfehler gibt, hat die New Yorker Kulturelite bislang nicht gewusst oder wissen wollen. Sollte sie noch den „New Yorker“ lesen, wird sie das aber künftig schwer übersehen können. Jane Mayer berichtet dort unter dem Titel „Verdeckte Operationen“ in erschöpfender Länge und Gewissenhaftigkeit, wie die „Milliardärsbrüder einen Krieg gegen Obama führen“(Siehe: Artikel). Der Präsident mag an Glanz auch für das linksliberale New York eingebüßt haben, aber deswegen gehören Angriffe auf ihn noch lange nicht zum guten Ton.

          Die Kochs jedoch bekämpfen ihn mit allerschwerstem Finanzgeschütz. Im Vergleich zu den Summen, die sie für politische Einrichtungen und Kampagnen lockermachen, sind ihre Zuwendungen für Theater, Museen, Universitäten und Hospitale bessere Almosen. Vom Institute for Justice und dem Institute for Humane Studies über das Bill of Rights Institute und das Cato Institute bis zur Heritage Foundation und dem Mercatus Center an der George Mason University in Arlington, Virginia, legt Mayer eine schier endlose Liste von Denkfabriken und Interessenverbänden vor, die von den Brüdern Koch gefördert werden oder begründet wurden.

          Sie alle propagieren eine Politik, die in ihrer libertären Grundhaltung nichts anderes im Sinn hat, als den Staat „mit den Wurzeln“ auszureißen. Charles Koch selbst bekennt sich zu einer „radikalen Philosophie“, die in ihrem Horror vor jeglichen Steuerabgaben nicht einmal die staatliche Altersversorgung unangetastet lassen mag. Selbstverständlich soll der Staat sich auch nicht in die Krankenversorgung und das Schulwesen einmischen.

          Ein Privatprogramm wird zur Massenerhebung

          Das alles ist nicht neu. Die Brüder Koch verfolgen seit Jahrzehnten solche Wunschziele des Libertarismus – immer getreu auf den Spuren von Fred Koch, ihrem Vater, der 1958 die John Birch Society mit ins ultrakonservative Leben rief. „Der farbige Mann“, schrieb Koch senior damals, „spielt eine führende Rolle beim Plan der Kommunisten, Amerika zu erobern.“ Ein Satz wie aus dem Repertoire der heutigen Verschwörungstheoretiker, die im Zeichen der Tea Party ihre gesammelte Wut auf Washington richten und Obama als verkappten Kommunisten beschimpfen, wenn nicht gar Zweifel an der Legitimation seiner Präsidentschaft, an seiner Geburt auf amerikanischem Boden und an seinem christlichen Glauben schüren.

          Warum das kein Zufall ist, malt Mayer in schockierenden Farben aus. Sie kann belegen, wie David H. Koch vor allem mit seiner Americans for Prosperity Foundation Trainingsveranstaltungen für Aktivisten finanziert, die sich dann vor den Fernsehkameras spontan aus dem Volk zu erheben scheinen. Nicht zu sehen ist dabei, dass die Graswurzeln mit vielen Dollarmillionen gedüngt sind. Ihr Privatprogramm, so Mayer, hätten die Kochs in eine Massenbewegung verwandelt: eben die Tea Party, angeblich volksverwurzelt, aber ganz sicher auch ein Triumph für die beiden Großunternehmer.

          Weitere Themen

          „Dark – Staffel 2“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Dark – Staffel 2“

          Es geht weiter: Die 2. Staffel der „Dark“-Trilogie ist ab 21. Juni auf Netflix verfügbar.

          Topmeldungen

          Wirft hin: Patrick Shanahan wird nicht amerikanischer Verteidigungsminister.

          Rückzug von Shanahan : Keine Ruhe im Pentagon

          Mitten in der Iran-Krise verliert Donald Trump seinen amtierenden Verteidigungsminister. Der Wunschkandidat des Präsidenten hat sich zurückgezogen – wegen eines „traumatischen Kapitels“ in seinem Familienleben.
          Der 22 Jahre alte Ali B. dementiert weiterhin die Vergewaltigung von Susanna F.

          Psychiaterin über Ali B. : Egozentrisch, manipulativ, empathielos

          Im Prozess um die getötete Schülerin Susanna F. aus Mainz berichtet wenige Wochen vor dem Urteilstermin die psychiatrische Gutachterin. Den angeklagten Ali B. beschreibt sie als faulen und frauenverachtenden Mann, der in seinem Leben immer nur an sich selbst gedacht habe.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.