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Pferdeloses Berlin? : Das stinkt zum Himmel!

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Alles ein pseudo-wienerisches Historienspielgedöns!“, heißt es. Und die Kutsche über’m Tor? Bild: dpa

Es gibt sie noch, die Orte, wo nicht Autos Pferde, sondern Pferde Festspielgäste anrempeln! Berlin gehört nicht dazu. Dort plant man gerade die Verbannung der Vierbeiner. Begründung: Es stinkt. Gleich zweifach.

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          Der kentaurische Pakt wurde gebrochen. Unumkehrbar, unwiderruflich. Das fand Ulrich Raulff heraus, in seiner opernreifen Kulturgeschichte des Pferdes. Vorbei sei es mit Würde, Schönheit, Macht und Pathos des equestrischen Zeitalters, abgesehen von der inzwischen neunzigjährigen Queen und den kleinen Mädchen auf den Ponyhöfen habe heute niemand mehr eine ernsthafte, ehrliche, aus dem „Geiste der Notwendigkeit“ (Raulff) legitimierte Verwendung für diese ältesten Nutztierkumpel der Menschheit.

          O Fallada! Wie so oft, so auch diesmal kommt das richtige Signal dazu aus Berlin-Mitte. Es schallt die Posaune, wie in der Choralstrophe des Brecht-Eisler-Liedes von jenem Fallada-Pferd, das im Hungerwinter 1919 auf der Frankfurter Allee zusammenbrach und sofort mit Messern zerteilt und aufgefressen wurde. Unvergessen die stählerne Erzengel-Stimme von Ernst Busch, die er dem Tiere lieh, da es frug: „Was für eine Kälte muss über die Leute gekommen sein? So helft ihnen doch! Und tut es in Bälde, sonst passiert euch etwas, das ihr nicht für möglich haltet!“

          Inzwischen ist das Berliner Kutschpferd wiederauferstanden, es hat auch eine neue Aufgabe gefunden, die es vorher nie für möglich hielt, es jobbt jetzt als Wiener Fiakerpferd. Rund hundert Exemplare sind täglich unterwegs. Sie latschen die von Baustellen geschredderte Lindenprachtstraße entlang und einmal um den Reichstag herum, trotzen Krach, Abgas, sinnloser Huperei und touchierender Stoßstange und ziehen aus dem Geiste der Nostalgie legitimierte, polierte Fiaker hinter sich her, zum Pläsier der Touristen und zum Zorn der Tierfreunde.

          Wo der kentaurische Pakt noch intakt ist

          Als vor ein paar Jahren Bess, eine siebzehnjährige Stute, vor dem Hotel Adlon zusammenbrach, kam natürlich niemand mehr mit dem Messer gelaufen. Aber es gab erstmals eine Online-Petition zur Abschaffung der Pferdekutschen. Jetzt hat eine zweite Petition sechzigtausend Unterschriften gesammelt, innerhalb von nur vier Tagen. „Speziell vor dem Brandenburger Tor stinkt es zeitweise zum Gotterbarmen“ heißt es in dem Schreiben an den Berliner Bürgermeister, was dem Fluchttier Pferd nicht zumutbar sei. Und weiter: „Das Ganze ist ein pseudo-wienerisches Historienspielgedöns, das allenfalls in weitläufige Parkanlagen gehört.“

          Glücklich die Pferdekumpel im Central Park, die vor kurzem vom New Yorker Bürgermeister eine Art Tarifvertrag bekamen. Glücklich auch die Fiakerpferde in Salzburg, die im Sommer, wenn aus der Mozartpuppenstubenstadt eine einzige pferdeäpfelgepflasterte Fußgängerzone wird, natürlich allezeit Vorfahrt haben. Hier rempeln nicht Autos Pferde an, sondern Pferde rempeln Festspielgäste an. Hier ist der kentaurische Pakt noch intakt.

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