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Russlands Krise : Das Staatsschiff rammt den Eisberg

Da war man sich noch näher: Putin und Erdogan bei der Eröffnung der renovierten Sobornaya Moschee in Moskau Bild: dpa

In Russland geht es drunter und drüber: Ein Staatsanwalt ist Mafia-Pate, der Streit mit der Türkei wird selbstzerstörerisch. Lässt Präsident Putin sein Land absichtlich hochgehen?

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          Ein schwarzer russischer Witz rekonstruiert den Funkverkehr des abgeschossenen Suchoi-Jagdbombers mit der türkischen Luftabwehr folgendermaßen: „Können wir hier ein bisschen fliegen und Bomben abwerfen?“, fragen die Russen. „Nein“, erwidern die Türken. „Ach kommt, wir können immer sagen, es war jemand anderes!“ – „Wir werden schießen.“ – „Seid doch nicht so! Also abgemacht?“ – „Nein.“ – „Wie – ihr habt uns abgeschossen?“ – „Wir hatten euch gewarnt.“ – „Das ist ein Dolchstoß in den Rücken!“

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

          Das russische System strebe nach Freiheit, aber im Sinn von Handlungsfreiheit für sich, ohne Rücksicht auf Werte oder vertraglich Kleingedrucktes, erklärt der russische Polittechnologe Gleb Pawlowski, der als Wahlberater erst von Boris Jelzin, dann von Wladimir Putin und als Erfinder der „gelenkten Demokratie“ schon höchst unterschiedliche Werte propagiert hat. Vielleicht deswegen verfolgt Pawlowski, der sich heute als unabhängiger Analyst positioniert, den Syrien-Konflikt wie ein Kartenspiel mit vielen Unbekannten, bei dem ein Bluff jäh Gewichte verschieben und Betriebsgeheimnisse der Konkurrenten enthüllen kann.

          Im nahöstlichen Kriegspoker schlage Erdogan seinen russischen Bruder im neoimperialen Geist, Putin, findet der politische Softpower-Experte. Beide kämpften aus Schwäche hybrid, das heißt durchs Aktivieren fremder Kräfte, die sie nicht kontrollieren könnten, und gegen fiktive Feinde, so Pawlowski. Auch sei Erdogans pantürkische Mission eine virtuelle Blase wie Putins „Russki mir“ (Russische Welt). Doch mit dem Flugzeugabschuss habe der „Sultan“ die Karte seiner Nato-Mitgliedschaft geschickt gespielt, um den militärischen Vorstoß des „Zaren“ auf sein Schachbrett zu durchkreuzen. Und der sonst sich so gut tarnende Kremlherr liefere mit seinen selbstzerstörerischen Sanktionen als Antwort gleich auch das Rezept zur Vernichtung Russlands: Man erzeuge eine Situation des Gesichtsverlusts für den Machthaber, und der zerschlägt sogleich selbst die letzten Reste der einheimischen Wirtschaft.

          Russland : Putin: „Türkei wird Abschuss von russischem Jet noch bereuen“

          Identität von außen

          Russland ist als Troll-Staat bezeichnet worden. Gemeint ist ein grundsätzlich auf die westlichen Gesellschaften bezogenes Regime, das konstruktive Tätigkeit durch informationstechnologische Immunabwehr ersetzt. Beträchtliche Ressourcen und Innovationskraft werden investiert in die Schaffung medialer Parallelwelten. Zahllose Fernsehagitatoren, ein ganzes Heer bezahlter Internettrolle legen sich täglich ins Zeug, um die westliche Wertegemeinschaft der Heuchelei zu überführen, russische Regimekritiker zu schmähen, einheimische moralische und materielle Nöte kleinzureden. Dem stillen Gesellschaftsvertrag zufolge identifiziert der Kreml die jeweils akuteste Bedrohung, lenkt den stets überreichlich vorhandenen Volkszorn dorthin und bewirbt sich selbst als Schutzmacht. Das geschönte Bild des Staatschefs und ein einender Gegner sollen dem sich territorial-geopolitisch definierenden Land so etwas wie eine Identität geben.

          In Desinformationsgewittern schärft sich jedoch der Blick für real existierende Unübersichtlichkeiten wie in Syrien. Die Spieler im Nahostkonflikt setzen sich, wie Lego-Figuren, aus wechselnden Steinchen zusammen, und zwar nach jedem Schlag neu, weiß Pawlowski. Der „Islamische Staat“ sei ein Lego aus Teilen des Terrornetzwerks Al Qaida, Offizieren des früheren irakischen Diktators Saddam Hussein, sunnitischen Gemeinden, Geld aus Qatar, die sich in unendlichen Varianten rekombinieren ließen. Die Dreieckskonstellation von IS, dem Assad-Regime und dessen „moderater“ Opposition, die mit dem IS einen regen Öl- und Waffenhandel treibt, hält der Russe für eine mnemotechnisch motivierte Fiktion. Zumal der zuverlässigste, militärisch effizienteste Gegner des IS, die Kurden, vom Nato-Mitglied Türkei viel erbitterter bekämpft wird als der Terrorstaat. Die Mord- und Kunstvernichtungsspektakel, die den IS-Banden eine massenkulturelle Identität verleihen sollen, nennt Pawlowski eine Neuauflage des Film noir, in welcher der Wirklichkeit, wie das westliche Publikum sie schätzt, ein triumphaler Schauprozess gemacht wird.

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