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This Time We Are Young

Afrika ist extrem jung, fast die Hälfte aller Bewohner ist unter 18 Jahre. Die ugandische Fotografin Esther Ruth Mbabazi wollte wissen: Was sind ihre Träume, Erwartungen, Perspektiven?

12. November 2020
Interview: RAINER SCHMIDT
Fotos: ESTHER RUTH MBABAZI


FRANKFURTER ALLGEMEINE QUARTERLY: Frau Mbabazi, wie kamen Sie auf „This Time We Are Young“?

ESTHER RUTH MBABAZI: Vor drei Jahren wurde mir bewusst, dass in Uganda die jüngste Bevölkerung der Welt lebt, Durchschnittsalter 14,3 Jahre. Das hat mich umgehauen. Also wollte ich herausfinden, was das für die Jugendlichen bedeutet, wie sie ihren Alltag gestalten und wovon sie träumen.

Eine Geschichte aus der aktuellen Ausgabe des Magazins der F.A.Z. „Frankfurter Allgemeine Quarterly“

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FAQ: Dann haben Sie Ihren Radius ausgedehnt?

MBABAZI: Ich wollte mehr über das Leben junger Afrikaner woanders auf dem Kontinent erfahren, wo die Bevökerung meist auch sehr jung ist. Bisher war ich in Uganda, Südafrika und in Südsudan. Zusätzlich habe ich in Deutschland und Belgien junge afrikanische Migranten befragt. In Südsudan hat mich interessiert: Wie gehen Jugendliche damit um, wenn sie in einem Land aufwachsen, das die ganze Zeit über mit heftigen Konflikten zu kämpfen hat?

SÜDSUDAN

Hochstimmung: Ein Mitglied der Tanzformation „Wup Soul“ macht sich warm für einen Auftritt beim Finale der nationalen Basketball-Liga in der Stadt Juba. Die Moves hat er sich selbst beigebracht.
Hochstimmung: Ein Mitglied der Tanzformation „Wup Soul“ macht sich warm für einen Auftritt beim Finale der nationalen Basketball-Liga in der Stadt Juba. Die Moves hat er sich selbst beigebracht.
Auch diese Studentinnen feiern in Juba den Abschluss ihrer Kurse. Mit den hier erworbenen Fahigkeiten können sie als Bodenpersonal bei Fluggesellschaften und am Flughafen arbeiten, andere haben sich auf Grafikdesign konzentriert.
Auch diese Studentinnen feiern in Juba den Abschluss ihrer Kurse. Mit den hier erworbenen Fahigkeiten können sie als Bodenpersonal bei Fluggesellschaften und am Flughafen arbeiten, andere haben sich auf Grafikdesign konzentriert.

FAQ: Und, was haben Sie festgestellt?

MBABAZI: Ich hätte erwartet, dass man die Folgen der Konflikte überall spürt. Aber die jungen Menschen dort haben auch Spaß, sie interessieren sich für Mode und Kunst, sie wollen tanzen und heiraten und ihren Weg gehen. Das war erstaunlich. Südsudan wird seit seiner Unabhängigkeit von Konflikten heimgesucht, die Jugendlichen kennen nichts anderes – und arrangieren sich eben damit.

FAQ: Auch die Lage queerer Jugendlicher beschäftigt Sie.

MBABAZI: Ja, das ist ein Riesenproblem in den meisten afrikanischen Ländern. Südafrika ist definitiv das mit Abstand LGBT-freundlichste Land auf dem Kontinent. Jede queere Person Afrikas träumt davon, nach Südafrika zu ziehen und dort frei leben zu können. Aber das ist nicht leicht, und selbst die, die es dorthin schaffen, bekommen nicht ohne weiteres eine Aufenthaltserlaubnis oder Asyl. Und auch da gibt es Probleme wie etwa Ausländerfeindlichkeit.

FAQ: Wie ist die Lage für Homosexuelle in Uganda?

MBABAZI: Es ist noch nicht so lange her, dass hier versucht wurde, Homosexualität mit hohen Gefängnisstrafen zu ahnden, aber das wurde mit Hilfe verschiedener Initiativen abgewehrt. Offen homosexuell kann man hier trotzdem nicht sein in der Öffentlichkeit, man redet einfach nicht drüber.

UGANDA

In Sambia war die Polizei hinter ihm her, weil er schwul ist: Auf Homosexualität stehen dort 14 Jahre Gefängnis.  Arnold Mulaisho, 26, floh nach Südafrika. Er hofft auf Asyl. Zu Hause ließ er einen guten Job und seine Familie hinter sich.
In Sambia war die Polizei hinter ihm her, weil er schwul ist: Auf Homosexualität stehen dort 14 Jahre Gefängnis. Arnold Mulaisho, 26, floh nach Südafrika. Er hofft auf Asyl. Zu Hause ließ er einen guten Job und seine Familie hinter sich.
Power: Prim Nyonyozi, 26, und Florence Nakato, 26, aus Entebbe, Gründerinnen des Blogs „Kurves of Steel“, der sich mit Modetrends für Frauen mit Übergrößen in Ostafrika beschäftigt: „We are trendy, we are curvy, we are taking over.“
Power: Prim Nyonyozi, 26, und Florence Nakato, 26, aus Entebbe, Gründerinnen des Blogs „Kurves of Steel“, der sich mit Modetrends für Frauen mit Übergrößen in Ostafrika beschäftigt: „We are trendy, we are curvy, we are taking over.“
Power: Prim Nyonyozi, 26, und Florence Nakato, 26, aus Entebbe, Gründerinnen des Blogs „Kurves of Steel“, der sich mit Modetrends für Frauen mit Übergrößen in Ostafrika beschäftigt: „We are trendy, we are curvy, we are taking over.“
Viele Jugendliche in Afrika hören nigerianische Musik, aber auch westliche Bands finden Beachtung. Für Latif Abdullah, 18, aus Mbale im Osten Ugandas gehören die australischen Rocker von AC/DC unbedingt dazu.
Viele Jugendliche in Afrika hören nigerianische Musik, aber auch westliche Bands finden Beachtung. Für Latif Abdullah, 18, aus Mbale im Osten Ugandas gehören die australischen Rocker von AC/DC unbedingt dazu.
Aidah Nabwile, 15, aus der Bergregion Bududa in Ost-Uganda bereitet sich auf den Kirchgang vor.
Aidah Nabwile, 15, aus der Bergregion Bududa in Ost-Uganda bereitet sich auf den Kirchgang vor.
Let´s dance: Eine junge Frau auf dem Nyege-Nyege-Musikfestival in der ugandischen Stadt Jinja. Fast 80 Prozent der Bevölkerung Ugandas sind jünger als 30 Jahre.
Let´s dance: Eine junge Frau auf dem Nyege-Nyege-Musikfestival in der ugandischen Stadt Jinja. Fast 80 Prozent der Bevölkerung Ugandas sind jünger als 30 Jahre.

FAQ: Sie sagen, dass sich Afrika seinen vielen Jugendlichen gegenüber oft nicht freundlich verhält. Warum?

MBABAZI: Für sie fühlt sich das Leben hier oft an wie ein täglicher Kampf. Wir wollen Spaß und unseren Weg gehen, aber es gibt hohe Arbeitslosigkeit, Schulgebühren, die sich viele nicht leisten können, und in den Regierungen sitzen oft nur alte Männer.

FAQ: Wovon träumen die Teenager, die Sie getroffen haben?

MBABAZI: Die meisten wollen ihr eigenes Ding machen, Firmen gründen, Geschäfte aufmachen, Sachen ausprobieren. Dieser Kontinent hat so viele innovative junge Menschen, die ihre eigene Zukunft gestalten und dafür sehr hart arbeiten wollen. Viele nutzen die digitalen Möglichkeiten für ein eigenes Business. Diese Generation ist hochmotiviert und zielstrebig.

SÜDAFRIKA

Ein Fußgänger in Johannesburg beäugt argwöhnisch Ross, eine Transgender-Frau aus Zimbabwe, die auf der Straße für ein Foto posiert – und sich hier ausleben kann, im Gegensatz zu ihrem Heimatland.
Ein Fußgänger in Johannesburg beäugt argwöhnisch Ross, eine Transgender-Frau aus Zimbabwe, die auf der Straße für ein Foto posiert – und sich hier ausleben kann, im Gegensatz zu ihrem Heimatland.
Arnold Mulaisho tanzt in einer LGBT-Bar in Pretoria, wo er sich sicher fühlt. Er hat nur eine Aufenthaltsgenehmigung für drei Monate und kann nicht arbeiten. Aber er ist froh, jetzt hier zu sein.
Arnold Mulaisho tanzt in einer LGBT-Bar in Pretoria, wo er sich sicher fühlt. Er hat nur eine Aufenthaltsgenehmigung für drei Monate und kann nicht arbeiten. Aber er ist froh, jetzt hier zu sein.
Pelo Boipelo, 19, aus Johannesburg ist pansexuell, kann also für Menschen aller Geschlechteridentitäten romantische Gefühle empfinden. „Wegen meiner Queerness habe ich noch keine Gewalt erlebt, aber als Frau ist es generell oft gefährlich.“
Pelo Boipelo, 19, aus Johannesburg ist pansexuell, kann also für Menschen aller Geschlechteridentitäten romantische Gefühle empfinden. „Wegen meiner Queerness habe ich noch keine Gewalt erlebt, aber als Frau ist es generell oft gefährlich.“
„Null Toleranz“: LGBT-Aktivisten an der Wits University in Johannesburg. Viele queere Afrikaner träumen von Südafrika.
„Null Toleranz“: LGBT-Aktivisten an der Wits University in Johannesburg. Viele queere Afrikaner träumen von Südafrika.
Arnold Mulaisho aus Simbabwe, der wegen seiner Homosexualität fliehen musste, ist zunächst das Asyl in Südafrika verweigert worden, er will aber weiter kämpfen. Auch wenn er hier mit Ausländerfeindlichkeit konfrontiert wird.
Arnold Mulaisho aus Simbabwe, der wegen seiner Homosexualität fliehen musste, ist zunächst das Asyl in Südafrika verweigert worden, er will aber weiter kämpfen. Auch wenn er hier mit Ausländerfeindlichkeit konfrontiert wird.

FAQ: Welche Erfahrungen haben diejenigen gemacht, die nach Deutschland und Belgien gegangen sind?

MBABAZIAlle haben mir gesagt, dass ihre hohen Erwartungen nicht erfüllt worden sind und dass sie sich wünschten, vorher mehr Informationen gehabt zu haben. Sie wären dann alle trotzdem gegangen, aber mit realistischeren Einschätzungen.

FAQ: Wollen viele Jugendliche ins Ausland?

MBABAZI: Ja, unbedingt. Ich finde, jeder sollte gehen, wohin er will, Erfahrungen sammeln und dann wieder nach Hause kommen. Aber in vielen Ländern hier kann man nicht mal Geld sparen und etwa in Deutschland Urlaub machen, um sich umzusehen. So läuft das nicht. Also kennen Jugendliche nur TV-Berichte und Erzählungen der anderen. Dazu kommen die ökonomischen Gründe. Es gibt meist nicht genug Jobs, wo sollen die ganzen Jugendlichen arbeiten? Viele streben in den Nahen Osten, nach Dubai, Oman, Katar, wo es gutbezahlte Jobs gibt.

FAQ: Was wünschen Sie sich persönlich für Ihre Zukunft?

MBABAZI: Ich möchte weiter mit meiner Fotografie die Geschichten erzählen, die mich interessieren. Wenn ich mit meiner Kamera noch mehr Länder bereisen und dabei immer mehr Sachen lernen kann, dann bin ich der glücklichste Mensch der Welt.</span> 

DEUTSCHLAND UND BELGIEN

Nangah Kay Ako, 23, im Stadtzentrum von Mannheim. Sie kam 2015 aus Kamerun, um hier Medizin zu studieren – und weil die Unis nichts kosten: „Sonst könnte ich mir das nicht leisten.“
Nangah Kay Ako, 23, im Stadtzentrum von Mannheim. Sie kam 2015 aus Kamerun, um hier Medizin zu studieren – und weil die Unis nichts kosten: „Sonst könnte ich mir das nicht leisten.“
Berlin: Schauspieler Abdul Samiu, 23, in seiner Wohnung, die er mit vier Freunden teilt. Vor 18 Jahren kam er mit seinen Eltern aus Ghana. Sein Ziel: Hollywood. Die Branche in Deutschland beachtet Schwarze nicht genug, findet er.
Berlin: Schauspieler Abdul Samiu, 23, in seiner Wohnung, die er mit vier Freunden teilt. Vor 18 Jahren kam er mit seinen Eltern aus Ghana. Sein Ziel: Hollywood. Die Branche in Deutschland beachtet Schwarze nicht genug, findet er.
Aron Gilamikael duscht nach einem Volleyballspiel. Mit 16 floh er aus Eritrea, zwei Jahre brauchte er hierher. Nach Deutschland wollte er, weil es hier angenehmer sei als anderswo in Europa, hatte er auf der Flucht gehört.
Aron Gilamikael duscht nach einem Volleyballspiel. Mit 16 floh er aus Eritrea, zwei Jahre brauchte er hierher. Nach Deutschland wollte er, weil es hier angenehmer sei als anderswo in Europa, hatte er auf der Flucht gehört.
Ange-Marie Ishyaka, 25, wurde in Ruanda geboren, ihre Eltern kamen beim Genozid 1994 um, mit ihrer Tante zog sie nach Belgien, wo sie in einer belgischen Familie aufwuchs. Ruanda besuchte sie 2017: „Für die Leute dort war ich eine Weiße, hier in Belgien bin ich eine Schwarze.“
Ange-Marie Ishyaka, 25, wurde in Ruanda geboren, ihre Eltern kamen beim Genozid 1994 um, mit ihrer Tante zog sie nach Belgien, wo sie in einer belgischen Familie aufwuchs. Ruanda besuchte sie 2017: „Für die Leute dort war ich eine Weiße, hier in Belgien bin ich eine Schwarze.“

Esther Ruth Mbabazi

Die junge ugandische Fotografin Esther Ruth Mbabazi, geboren 1995, lebt in der Hauptstadt Kampala. Ihre Arbeiten sind in der „New York Times“, „Time Magazine“, der „Washington Post“ und dem „Wall Street Journal“ veröffentlicht worden. Ihr Projekt „This Time We Are Young“ wird von der National Geographic Society und der International Women’s Media Foundation unterstützt.

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Quelle: F.A.Z. Quarterly

Veröffentlicht: 12.11.2020 15:26 Uhr