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Arte-Horrorserie „Das Seil“ : Umkehr ausgeschlossen

  • -Aktualisiert am

Spürest Du, kaum einen Hauch: Suzanne Clément spielt die blinde Wissenschaftlerin Agnès Mueller. Bild: Arte

Zurück in den Wald: Die französische Serie „Das Seil“ macht aus einer mittelmäßigen Parabel über die dunkle Seite der Neugier atmosphärischen Erlösungshorror.

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          Du musst nur die Laufrichtung ändern“, sprach Kafkas Katze zu der Maus, der sie bis zur Falle in einer Ecke gefolgt ist. Aber der Ratschlag kommt zu spät, denn im selben Moment verschlingt die Katze ihre Beute. Die besten Parabeln gehen nicht in ihrer Botschaft auf. Die besten Serienplots wiederum sind die, die sich in einem kurzen Satz zusammenfassen lassen. Letzteres ist bei „Das Seil“ der Fall, einer Parabel, die nur auf den ersten Blick eindeutiger wirkt als Kafkas Konstrukt. Es geht um ein dickes Tau, dessen Ende eines Tages nahe einer Siedlung auftaucht und das tief in den Wald hineinführt, so tief, dass es immer mehr Menschen dazu verleitet, ihm zu folgen, wobei die Erwartung einer am anderen Ende vorzufindenden Entdeckung und Erlösung mit jedem Schritt größer, eine Umkehr immer unwahrscheinlicher wird. Was die Moral angeht, ist das allerdings eher schief als kafkaesk: Soll da die Axt an das Prinzip Neugier angelegt werden? Zum Glück ist die Botschaft hier nicht alles.

          Mystery-Serien, in denen Übernatürliches im Wald geschieht, gibt es zuhauf. Arte hat „Das Seil“ denn auch gleich seinem „Winter of Mysteries“ zugeschlagen. Aber vielleicht sollte besser von einer metaphysischen Serie gesprochen werden, denn das Rätselhafte hat hier eine andere Stellung als etwa bei „Stranger Things“ oder „Dark“. Es ist kein Handlungstreiber, sondern vielmehr das eigentliche Analyseobjekt: Das unerklärliche Seil verweist weniger auf Unbekannte, die es lockend ausgelegt haben, als auf den menschlichen Geist selbst, auf die Struktur des Denkens. Es zeigt sich eine eigentümliche Selbstverführung, wo Forscherdrang auf einen obsessiv werdenden Glauben trifft.

          Komplexer und ergreifender als die Vorlage

          Das klingt angestrengt, ist es aber keineswegs, zumindest nicht in der Serie, deren Drehbuch (Dominique Rocher, Eric Forestier) sich zwar auf eine tatsächlich leicht eintönige Romanvorlage aus dem Jahr 2012 stützt, von dieser aber in überzeugender Weise abweicht. Der Romanautor Stefan aus dem Siepen, ein deutscher Diplomat, der bereits mehrere symbolische Erzählungen verfasst hat, siedelt seine Geschichte rustikal in einem abgelegenen Dorf an, zeitenthoben und ohne individuelles Ambiente. Es ist die These eines Dorfes. Dafür finden sich im Buch allenthalben Sätze, die mehr erklären, als der Erzählung guttut: „Mit stierer Zähigkeit hielten die Frauen an der Hoffnung fest, dass die Männer eines Tages zurückkehren würden. Nach dem Sturm gab es nicht mehr viel, das ihnen geblieben war, und zu diesem Wenigen und Dürftigen gehörte die Hoffnung.“

          Rocher, der auch Regie führte und mit „The Night Eats the World“ (2018) bereits einen meditativen Zombiefilm vorweisen kann, hat gemeinsam mit Forestier die Handlung nicht nur mutiger in der Gegenwart verankert, sondern auch in ein Setting überführt, das so bezaubernd atmosphärisch und interpretativ anschlussfähig ist, dass es die für Arte France realisierte Serie um eine ganze Klasse komplexer und ergreifender wirken lässt als die Vorlage. Die vor allem in der ersten der drei Folgen liebevoll inszenierte Kulisse bildet hier eine veraltete und deshalb kurz vor der Schließung stehende Sternwarte im norwegischen Nirgendwo (als Drehort diente eine inzwischen ungenutzte Erdfunkstelle mit mehreren Parabolantennen im belgischen Ardennen-Ort Lessive).

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