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Das Schweizervolk hat abgestimmt : Wahl der Waffen

  • -Aktualisiert am

Jäger und Schützenvereine haben im Verbund mit der Schweizerischen Volkspartei die Initiative für ein Waffenverbot im Privatbesitz zu Fall gebracht. Selbst das Frauenwahlrecht vermochte daran nichts zu ändern. Die Eidgenossen haben sich für den Mythos entschieden.

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          Das Sturmgewehr darf unter dem Bett bleiben, zur Selbst- und Landesverteidigung. Auch die Offizierspistole meines Vaters muss ich nicht abgeben. Munition ist in Hülle und Fülle vorhanden. Ob die Kugeln und die Waffen in irgendwelchen Registern, die nicht einmal zentral geführt werden, verzeichnet sind, darf nach ein paar Wohnortwechseln füglich bezweifelt werden.

          Meine Ehre als Mann und Schweizer bleibt intakt, am Wochenende hat das Volk der Eidgenossen den Angriff auf sie abgewehrt. Nach Suiziden mit der Militärwaffe, die vielleicht hätten verhindert werden können, nach spektakulären Amokläufen und täglicher Gewalt gegen Frauen hatten grünlinke Politiker und Feministinnen Unterschriften gegen den privaten Waffenbesitz gesammelt.

          Die Stimmung mal wieder falsch eingeschätzt

          Die Erschießung der beliebten Skirennfahrerin Corinne Rey-Bellet durch ihren Mann, einen Offizier der Armee und hohen Bankangestellten, war eine der Triebfedern des Waffenverbots.

          Bis wenige Wochen vor der Abstimmung am Sonntag schien seine Durchsetzung problemlos über die Bühne zu gehen. Doch Meinungsumfragen und Medien hatten die Stimmung im Lande wieder einmal völlig falsch eingeschätzt. Fast sechzig Prozent der Schweizer lehnten trotz Frauenstimmrecht das Waffenverbot ab. Die Jäger und die Schützenvereine hatten mit ihren Hunderttausenden von Mitgliedern einen Wahlkampf geführt, von dem die Zeitungen kaum etwas mitbekamen.

          Für die Schweizerische Volkspartei (SVP) ging es wieder einmal um die Rettung der wehrbereiten Schweiz gegen Europa. Das Abkommen von Schengen, dem die Eidgenossen beigetreten sind, sieht eigentlich vor, dass sich das Land den doch etwas anderen EU-Waffenrichtlinien anpassen müsste. Doch weil unsere Grenzen so löchrig geworden sind, ist die Pistole unter dem Kissen erst recht unverzichtbar.

          Die Unterschiede gegenüber Ausländern gewahrt

          Die Justizministerin will jetzt vor allem gegen den „illegalen Waffenbesitz“ vorgehen: jenen der Türken und Europäer aus dem Balkan. Die Unterschiede zwischen den kampfbereiten Schweizern und kriminellen Ausländern bleiben gewahrt: Nur Eidgenossen dürfen wählen und Waffen besitzen. Die Eidgenossen wählten den Mythos, sagte ein Politologe.

          Diese Wahl der Waffen war ein Triumph der Abschottungs-Ideologie, die aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangen ist: die Schweiz als Réduit, umzingelt von Feinden und Fremden. Zur ihrer Rettung wurde 1939 die geistige Landesverteidigung erfunden. Das Sturmgewehr zu Hause ist ihre letzte Waffe geblieben.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

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