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Das ruhelose Stuttgart : Fliegt hier bald alles in die Luft?

  • -Aktualisiert am

Stuttgart präsentiert sich derzeit als ruhelose Stadt Bild: dapd

Im Protest gegen den Neubau des Bahnhofs stauen sich vulkanische Energien. Als Spaziergänger mache ich eine irritierende Erfahrung. Stuttgart, meine Stadt, droht friedlos zu werden. Ein Lagebericht des Stuttgarter Verlegers Michael Klett.

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          Was ist eigentlich los in Stuttgart? Die Frage wird mir in allen deutschen und ausländischen Städten gestellt, die ich in letzter Zeit bereise. Eine schlüssige Antwort kann ich nicht geben, das Projekt ist komplex, das Protestgeschehen kompliziert, die Stimmung diffus, die evidenten Vorzüge für Fern- und Durchreisende, die der neue Bahnhof besorgt, überhaupt eine signifikante Verbesserung der Mobilität stellen die Frager nur unvollkommen zufrieden. Aber, so geht es weiter, wie können solche und andere Verbesserungen so viel Aufruhr erzeugen?

          Reise ich nach Hause, in der Regel mit der Bahn, und fahre in das Stadttal ein mit den Hügelschwüngen rechts und links, vertrauten Häusern und Kirchen, die über die Hänge gestreut sind, die Parks und schließlich die Gebäudeklötze des Stadtkerns, so ziehen in diesen Tagen Bilder auf: das Demonstrationsgewoge um das Bahnhofsmonument, eine gespannte Fröhlichkeit, gemischt mit einer sanften Reizstimmung, Plaudergeräusche, die plötzlich anschwellen zu Protestrufen oder skandierendem Gebrüll. Bauzäune mit Zetteln behängt, die sich zu einer Wandzeitungskulisse entwickeln. Dahinter die Reißzähne, die den Nordflügel zerpflücken, Sperren der Polizei, Camps, die im Park aufgemacht und wieder geräumt werden, auf der Südseite blanker Zaunstahl, eine massive Steigerung der Absperrung, Polizisten, die Menschen wegtragen, gefällte Bäume, der Platz wirkt plötzlich unwirklich lichtgrell, entschattet, steigendes Aggressionsfieber, das Staatsgrün der bewehrten Polizei gegenüber dem brodelnden Bunt der Menschen, Zusammenstöße, Wasserwerfer, Mütter, die Kinder hochhalten, um die Wasserstöße zu stoppen, verstört fliehende Schüler.

          Die Bilder sprechen und wirken. Sie werden, je mehr es von ihnen gibt, verworrene Zeichen für etwas, das sich immer schwerer erklären lässt. Ein in vielen Jahren geplantes, technisch durchgearbeitetes, kalkuliertes und von allen demokratischen Instanzen legitimiertes Projekt wird zum Syndrom.

          Ein ungekanntes Bild von Unfrieden in der grundsoliden Schwabenmetropole

          Am Tag vor der großen Demonstration, einem kühlen Sonntag, ich spaziere, von ferne kommend, um das allmählich zu einer Protestmonstranz mutierende Bahnhofsgeviert. Einige wenige Menschen stehen an den Zäunen und im Park wie Wächter einer Bürgerwehr. Vor mehr als sechzig Jahren, es war grauer Winter, stand ich hier mit meinem Großvater. Er hatte mich, wohl sein baldiges Ende ahnend, zu Orten mitgenommen, die er besonders liebte, Aussichtspunkte, lauschige Parkecken, Brunnenplätze, die er als Mitglied des Verschönerungsvereins veranlasst oder mitgestaltet hatte. Von den Höhenpunkten aus pries er, mehr zu sich sprechend, die hinreißenden Konturen der in Trümmern liegenden Landschaftsstadt.

          Bausünden heilen langsam

          Hier vor dem Bahnhof erzählte er von der Verlegung der Hauptstation vor dreißig Jahren, also im Ersten Weltkrieg, vom Königsbau zum aktuellen Platz. Plötzlich begann er heftig zu räsonieren, man habe wie so oft in Schwaben wieder einmal zu kurz gegriffen, der Stuttgarter Bahnhof hätte gleich an den Neckar gehört, das wäre der große Wurf gewesen, und damit hätte man der Talenge Raum für die Entwicklung der Stadt gegeben. Natürlich begriff ich, ein Kind damals, diese Worte erst viel später. Der alte Herr mit Zwicker und Vatermörder im schwarzen langen Mantel, mit zerschlissenem Hut und seinem obligaten Tropfen an der Nase, war Jahrgang 1863. Das war die hohe Zeit der Eisenbahnvernetzung Europas, der Anfang seines Zusammenwachsens. Als liberaler Demokrat, Unternehmer und Wirtschaftsmann, der viel auf dem Kontinent herumgekommen war, wusste er um die guten Wirkungen von Infrastruktur auf die Wohlfahrt.

          Der Wiederaufbau des Stadtkerns hat weder Besucher noch Stuttgarter zufriedenstellen können. Die großen Straßenschneisen, die die Talstadt zerschneiden, haben sie nolens volens als Autostädter hingenommen. Die Heilung unverständlicher Bausünden, die ein schlüssiges Stadtbild zerbröselt haben, ging nur sehr langsam vonstatten, und immer wieder müssen sie neue Schläge von unverständlich hässlichen Gebäudeerrichtungen hinnehmen, so etwa ausgerechnet in dem Stadtraum, der durch das Gleisvorfeld gewonnen wird.

          Dieses Vorfeld war noch vor dem Ersten Weltkrieg ein riesiger Park, der bis zum Neckar reichte und von dem die Gleissavanne, die im heißen Sommer den Stadtkessel zu tropischen Hitzegipfeln hochheizt, nur einen schmalen Streifen der sogenannten unteren Anlagen übrig gelassen hat. Nun also besteht die Aussicht, aus dieser so wirtschaftsgewichtigen und prosperierenden Metropole das zu machen, was ihrem errungenen Rang entspricht.

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