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Portal Pornhub im Museum : Kunst als Porno

Manchmal steigen die Bilder von den Leinwänden herab. Szene im ehemaligen Whitney-Museum in New York, mit Bellinis „Heiligem Franziskus in der Wüste“ Bild: dpa

Das Internetportal Pornhub versucht verzweifelt, seinen anrüchigen Ruf aufzupolieren. Jetzt müssen Meisterwerke der Kunstgeschichte dafür herhalten.

          2 Min.

          Mancher Museumsbesucher ahnt, dass in gewissen Nächten die Bilder von den Leinwänden steigen, um mit­einander zu sprechen, zu feiern, zu tanzen. August Mackes Dame im blauen Mantel lässt sich nieder auf einem schwarzen Quadrat, Marinettis futuristischer Rennradfahrer jagt der Nike von Samothrake hinterher. Menschen sind bei den Feiern nicht zugelassen, aber dass es dort nicht immer brav zugeht, sehen geübte Kunstkritiker sofort – wenn am Morgen danach zum Beispiel Gustave Mo­reaus Galatea noch ein bisschen seliger lächelt, als sie das an gewöhnlichen Tagen tut.

          Keine Überwachungskamera hat das je gefilmt. Und genau das will die Firma Pornhub jetzt ändern, das Internetportal, dessen Geschäftsmodell der Handel mit genau solchen Bildern ist, die zeigen, was eigentlich im Verborgenen geschieht: Pornhub verkauft Sex, und weil dieser Handel nicht das beste Image hat, engagiert sich die Firma auch gegen Brustkrebs und lässt Strände vom Plastikmüll säubern. Den schlechten Ruf wird Pornhub trotzdem nicht los. Im Juni erst haben 34 Frauen Klage eingereicht; in den meisten Fällen geht es darum, dass ihre Männer sie ohne ihr Wissen gefilmt und gegen ihren Willen die Videos der Plattform zur Verfügung gestellt hätten.

          Vollkommene Keuschheit

          Noch ist nichts entschieden – aber falls die Frauen recht bekommen, wird das Image der Firma auch damit nicht zu retten sein, dass sie neuerdings den Kunstsinn befeuern will. „Classic Nudes“ heißt das neueste Projekt. Es ist ein Onlineführer zu den bedeutendsten und vielleicht auch schönsten Nackten der Kunstgeschichte, mit Kommentaren, die die Entstehungsgeschichte in angemessener Knappheit referieren.

          Und wenn es eher um die erotische als um die kunsthistorische Wirkungs­geschichten dieser Bilder geht, ist dagegen ja nichts zu sagen. Wer glaubt, man dürfe sich dieser Kunst nur im Zustand vollkommener Keuschheit nähern, hat weder die Intentionen der Auftraggeber noch die der Werke verstanden. Im Gegenteil, genau daher kommt ja die ästhetische Herausforderung beim Betrachten dieser Bilder: dass man ihren Reizen erliegen und zugleich widerstehen muss; dass sie das Begehren fordern und zugleich sublimieren.

          Allerdings läuft das Kunstprojekt der Firma auf direktere Formen der Rezeption hinaus. Und so stehen da jetzt erste kleine Filme, die so tun, als ob sie wüssten, was geschieht, wenn Courbets „Ursprung der Welt“ oder Goyas „Nackte Maya“ in Bewegung geraten. Ein Mann tritt ins Bild, und dann wird getan, was in Pornos eben getan werden muss. Die Spannung ist heraus, die Herausforderung hat sich erledigt. Man bekommt Lust, mit Jackson Pollocks Farbspritzern zu flirten und ein schönes Rot von Rothko in den Arm zu nehmen, in einer dieser Nächte, wenn die Bilder erwachen.

          Claudius Seidl
          Redakteur im Feuilleton.

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