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Das politische System Chinas : Die neue Aufteilung der Welt

  • -Aktualisiert am

Eine immer weniger erkennbare politische Ideologie: der chinesische Premierminister Wen Jiabao nach seiner Rede zum 59. Jahrestag der Volksrepublik China Bild: picture-alliance/ dpa

Stellt Peking dem Westen die Systemfrage? Oder fordert es die alten Demokratien vor allem dadurch heraus, dass es sich auf keine spezielle Idee mehr festlegen lässt? Ein Blick voraus von unserem Peking-Korrespondenten Mark Siemons.

          9 Min.

          Das Gespenst eines neuen Systemkampfs geht um in der westlichen Welt. Dem demokratischen Prinzip, so heißt es, sei ein Konkurrent erstanden, der es nicht nur machtpolitisch, sondern auch ideologisch herausfordere: das Prinzip des Autoritarismus. Oberflächlich ähnelten die Auseinandersetzungen heute den Interessenkonflikten des neunzehnten Jahrhunderts - aber angetrieben würden sie, sagt etwa der amerikanische Politikwissenschaftler Robert Kagan, von einem Kampf der Ideen.

          Mark Siemons
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Länder wie Russland und China seien nicht einfach nur autoritär, sie glaubten vielmehr an den Autoritarismus, und dieser Glaube mache sie zusammen mit ihrem wirtschaftlichen Erfolg zu einem Modell, von dem bereits eine beträchtliche Sogwirkung in der Welt ausgehe. Die Finanzkrise tut jetzt ein Übriges, das Szenario zuzuspitzen und es mit Angst zu besetzen.

          Von der Last des Stillstands befreit

          Mit anderen Worten: Die Geschichte geht weiter. Die neue Aufteilung der Welt wirkt wohl auch deshalb so eingängig, weil sie als schlagende Widerlegung jener Vorstellungen vom „Ende der Geschichte“ auftritt, die Francis Fukuyama, ein anderer amerikanischer Politikwissenschaftler, 1989 in Anknüpfung an den schillernden Hegel-Interpreten Alexandre Kojève entwickelt hatte; der Titel von Kagans jüngstem Buch spricht im Original ausdrücklich von einer „Rückkehr der Geschichte“. Nach dem Fall der Berliner Mauer hatte Fukuyama jenen Zustand eintreten gesehen, den Hegel schon bei Napoleon und Kojève bei der amerikanischen Massenkultur vermuteten: eine Welt, in der die Hervorbringung immer neuer Ideen darüber, wie Staat und Gesellschaft das Verlangen des Menschen nach Anerkennung stillen könnten, an ihr Ende und Ziel gelangt sei.

          Zwar würden die üblichen Kriege immer weitergehen, aber das grundsätzliche Ringen sei mit dem Sieg des „liberal-demokratischen Systems“ entschieden. Dies jedoch überführe den Menschen, der sich bislang durch „Denken“ im Sinne einer Negation des Bestehenden definiert habe, in einen neuen Aggregatzustand: Von der Last befreit, immer neue Gedanken zu entwickeln, könne - und müsse - er sich nun anderen Dingen zuwenden.

          Rückkehr der Systemfrage

          Das scheint dem Menschen, wenigstens dem westlichen Menschen, indessen keine angenehme Vorstellung zu sein. Schon der Empörungsgrad der damaligen Reaktionen auf Fukuyama zeigte an, welch einen empfindlichen Punkt er berührt hatte. Und nicht weniger bezeichnend ist die Bereitwilligkeit, mit der jetzt Robert Kagans Weltsicht aufgenommen wird. Es mag sonst zwar üblich sein, die amerikanischen Neokonservativen mit Geringschätzung zu bedenken, aber von dem, was Kagan schreibt, unterscheidet sich der westliche Mainstream nur unwesentlich. Publizisten, die als linksliberal gelten, scheinen ihm die gleiche Plausibilität zuzugestehen wie Politikerinnen, die man liberal-konservativ nennen würde.

          Die These erhält ihre Schärfe dadurch, dass sie alle Unterschiede der Länder nach geographischer Lage, Entwicklungsstand, Geschichte oder Kultur relativiert und als Motor der künftigen Geschichte allein die Systemfrage anerkennt. Kagan räumt ein, dass die realen Allianzen sich nicht immer trennscharf nach diesem Kriterium richten, wenn etwa Demokratien wie die Vereinigten Staaten arabische Diktaturen als Bündnispartner pflegen. Und auch die Unterscheidung selbst scheint sich bei ihm nicht allein an normativen Maßstäben auszurichten, wenn er zum Beispiel Singapur umstandslos den Demokratien zurechnet, einfach weil es zum westlichen Block gehört.

          Zwei Lager

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