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Das Politbüro liest Tocqueville : Steht China vor einer Revolution?

  • -Aktualisiert am

Junge Chinesinnen vor Wandmalerei aus der Zeit der Kulturrevolution Bild: AFP

Tocqueville als Lektüreempfehlung: Die chinesischen Kommunisten erkennen ihr Land erschreckend exakt in der Beschreibung Frankreichs vor 1789 wieder.

          5 Min.

          Das neue Politbüro der Kommunistischen Partei Chinas hat ein Buch aus dem neunzehnten Jahrhundert ausgegraben, das die gegenwärtige Konstellation des Landes verblüffend genau beschreibt und dabei eine kurz bevorstehende Revolution in Aussicht stellt: Alexis de Tocquevilles „Der alte Staat und die Revolution“, erschienen im Jahr 1856. Sowohl Li Keqiang, der zweite Mann in der Partei und künftiger Ministerpräsident, als auch Wang Qishan, das für die Korruptionsbekämpfung zuständige Politbüromitglied, haben das Buch mehrfach öffentlich zur Lektüre empfohlen; Letzterer ausdrücklich in einem Treffen mit Regierungsberatern, die sich damit beschäftigen, wie Partei und Staat so umzugestalten sind, dass ihr Untergang verhindert wird.

          Mark Siemons
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Seitdem hat sich das Buch, das im Westen tief im Schatten von Tocquevilles anderem Werk, der „Demokratie in Amerika“, steht, unter chinesischen Funktionären und Intellektuellen zu einem Bestseller entwickelt. Zwei Fragen stellen sich: Was bedeutet es, wenn sich die chinesischen Kommunisten heute in Tocquevilles Analyse des vorrevolutionären Frankreich wiedererkennen? Und: Was bedeutet es, wenn sie dieses Wiedererkennen öffentlich machen?

          Eine völlig atomisierte Gesellschaft

          Der Witz des Buchs ist, dass es das Frankreich vor 1789 keineswegs so beschreibt, wie westliche Theoretiker bis vor kurzem realsozialistische Staaten zu beschreiben pflegten: als System, das an seiner Reformunfähigkeit und Erstarrung zugrunde geht. Vielmehr, so Tocqueville, habe sich die Gesellschaft im absolutistischen Staat vor der Revolution gerade durch ihre zunehmende Dynamik, Durchlässigkeit und Modernität ausgezeichnet. Doch die Zentralisierung, Rationalisierung und Ökonomisierung der Despotie habe die alten Institutionen und Formen des Zusammenwirkens entleert, so dass nur gegeneinander abgeschottete Kasten übrig blieben. Diese atomisierte Gesellschaft - Tocqueville schreibt von einem „kollektiven Individualismus“ - habe nichts als die alles beherrschende Begierde verbunden, „um jeden Preis reich zu werden“. Aus Angst vor ihn möglicherweise gefährdenden Zusammenschlüssen fördert der Despotismus noch diese gegenseitige Isolierung und „entzieht den Bürgern jede gemeinsame Begeisterung, jedes gemeinschaftliche Bedürfnis, jede Notwendigkeit, sich miteinander zu verständigen“.

          In früheren Jahrhunderten hätten Adlige und jene, aus denen später das Bürgertum wurde, noch in der gemeinsamen Ausübung ihrer gesellschaftlichen Funktionen zusammengearbeitet; je mehr diese Funktionen von der Zentralgewalt übernommen wurden, desto größer wurde der Skandal der Ungleichheit, zumal der Befreiung des Adels von einer Steuer, deren Höhe rapide wuchs. „Da in einer derartigen Gesellschaft nichts feststeht, fühlt sich jeder, teils durch die Furcht, herunterzukommen, teils durch den Drang, sich emporzubringen, in ständiger Aufregung.“

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