https://www.faz.net/-gqz-aa6iq

Orsay-Museum in Paris : Station Giscard

  • -Aktualisiert am

Das Orsay Museum wird fortan „Musée de l’Orangerie et d’Orsay – Valéry Giscard d’Estaing“ heißen. Bild: dpa

Der Name des Orsay-Museums wird um den Namen des ehemaligen Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing erweitert, – obwohl oder gerade weil er Frauen mehr förderte als die Kultur.

          2 Min.

          Wer geht schon, wie es fortan heißen wird, in ein „Musée de l’Orangerie et d’Orsay – Valéry Giscard d’Estaing“? Nach Charles de Gaulle ist in Paris die Place de l’Etoile benannt. So steht es auf allen Fahrplänen der Métro, doch keiner spricht vom De-Gaulle-Platz. Das erste Museum in Paris, das den Namen eines Präsidenten der Fünften Republik bekam, ist das „Centre Beaubourg Georges Pompidou“. Pompidou war de Gaulles Nachfolger und ein exquisiter Liebhaber nicht nur von Lyrik, sondern auch Kenner der zeitgenössischen Kunst. Pompidou war aber auch der erste Präsident, dem bewusst wurde, dass ihm die Geschichte die Weihen der Unsterblichkeit vorenthalten würde. Die Zeiten waren friedlicher geworden. Also baute er ein Museum.

          Auch die Präsidenten seither verewigten sich im Stadtbild von Paris. Der todkranke François Mitterrand mit dem Bau einer Bibliothek, die eingeweiht werden musste, bevor sie betriebsbereit war. Die Verbindung von Mitterrand und Büchern ergab Sinn, auch eine Métro-Station trägt den Namen seiner Bibliothek. Sein Nachfolger Jacques Chirac hielt es mit den „arts premiers“, den „Primitiven Künsten“. Sein Museum wurde nach seinem Standort – am Quai Branly – benannt und bekam nach dem Tod des Präsidenten den Zusatz „Jacques Chirac“.

          Lévi-Strauss bekam Kopfschmerzen

          Weder Nicolas Sarkozy noch François Hollande sind als kulturbeflissene Präsidenten in Erinnerung geblieben. Nach einer ersten – nur noch fünfjährigen – Amtszeit ging ihre Epoche unfreiwillig zu Ende. Zu kurz für die Geschichte. Inzwischen war auch der architektonische Größenwahn aus der Mode gekommen. Aber noch immer feierten linke Präsidenten ihren Sieg auf dem Bastille-Platz und bürgerliche auf der Place de la Concorde, wo der König hingerichtet worden war.

          Auch Valéry Giscard d’Estaing, der zwischen Pompidou und Mitterrand regiert hatte, war ein durch und durch monarchistischer Präsident. Doch Frankreichs Größe und der Moderne frönte er mit der Überschall-Concorde und dem Superschnellzug TGV. Von der Kultur schlug ihm nackte Verachtung entgegen. Den Pariser Bahnhof Gare d’Orsay, der dem modernen Verkehrskonzept zum Opfer fiel, ließ er in ein Museum des neunzehnten Jahrhunderts umbauen – und mit den besten Bildern der anderen bestücken. Lévi-Strauss bekam, als er es besuchte, Kopfschmerzen. Sartre verhöhnte Giscards schlechten literarischen Geschmack: Maupassant! Als peinlich wurden seine Romane, die er nach der Abwahl schrieb, empfunden.

          „Er ging lieber auf die Jagd als ins Museum“

          Als Giscard d’Estaing im vergangenen Dezember starb, hatten viele junge Franzosen noch nie von ihm gehört. Es waren ausschließlich Frauen, die den Vorschlag machten, das Orsay-Museum nach ihm zu benennen – Politikerinnen, die nicht einmal seiner Partei angehören. Die sozialistische Bürgermeisterin von Paris Anne Hidalgo. Macrons Kulturministerin Roselyne Bachelot. Frauen hatte Giscard mehr gefördert als die Kultur. „Er ging lieber auf die Jagd als ins Museum“, höhnt „Libération“ über die Namenserweiterung des Museums. Es wird von einer Frau geleitet und verfügt über eine Métro-Haltestelle. Anders als bei Chirac und de Gaulle könnte sich der Name durchsetzen: als Gare Giscard.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          In Flensburg zu Hause: Andrea Paluch, Schriftstellerin, Musikerin, Dozentin, Sängerin, geht ihren eigenen Weg.

          Andrea Paluch : Sie geht ihren eigenen Weg

          Andrea Paluch, die Frau von Robert Habeck, hat ein Buch geschrieben. Liest man darin die Zukunft ihres Mannes? Eher nicht – denn Männer sind in dem Buch mit Absicht abwesend.
          Börsenplakat von Siemens Energy: Der Dax-Neuling will sein Geschäft mit Wasserstoff massiv ausbauen.

          Scherbaums Börse : Und ewig lockt der Wasserstoff

          Viele Anleger sehen den sauberen Energieträger als heißes Investmentthema. Diese Ansicht ist zum Teil berechtigt, zum Teil aber auch nicht. Das zeigt der Blick auf ausgewählte Wasserstoff-Aktien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.