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Ersatz für Gomringer-Gedicht : Ende der Debatte?

  • -Aktualisiert am

Jetzt eines der bekanntesten Hochschul-Gebäude der Republik: die Alice-Salomon-Hochschule in Berlin Bild: ZB

Nach monatelangem Streit wurde Eugen Gomringers vermeintlich sexistisches Gedicht an der Hausfassade der Berliner Alice-Salomon-Hochschule „überschrieben“. Alles bestens, wäre da nicht die nervtötende Angst vor Eindeutigkeit.

          Nun steht es also an der Hausfassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin: das neue Gedicht, das die hypersensibilisierten Gemüter beruhigen soll und die Skeptiker im Falle des zuvor erteilten Poesieverbots resigniert zurücklässt. Fast unbemerkt wurden die früher hier aufgetragenen poetischen Zeilen des bolivianisch-schweizerischen Schriftstellers Eugen Gomringer mit rätselhaften Worten der Lyrikerin Barbara Köhler übermalt – wobei das in diesem Fall gar nicht der politisch korrekte Ausdruck ist: „Überschreibung“ nennt sich diese – darf man das so sagen? – politisierte Konzeptkunst, die, so ist von Köhler auf einer Erklärtafel an der Wand zu erfahren, nicht Schluss mache mit dem alten Gedicht, sondern nur eine neue Schicht bilde: „Aus dem Gedicht davor ist ein Gedicht dahinter geworden.“ Na, was ein Glück! Es ist also gar nicht richtig ausgelöscht. Nur ein bisschen.

          Tatsächlich scheinen die Buchstaben aus Gomringers Gedicht nicht nur beim Betrachten aus nächster Nähe hervor, sondern sogar bei trübem Licht vom gegenüberliegenden Bahnsteig. Wer sich nicht die Mühe macht, die beigefügten Erklärungen zu lesen, könnte meinen, hier wäre einfach stümperhaft gearbeitet, die Hausfassade einer unterfinanzierten Hochschule mit zu dünner Farbe schlecht gestrichen worden. Dass es sich dabei um lyrische Kunst handeln soll, würden unter nicht Eingeweihten wohl die wenigsten vermuten. Ärgerlich ist daran aber vor allem die nervtötende Angst vor Eindeutigkeit. Noch dazu wird aus der Scheu, Kante zu zeigen, eine vermeintlich künstlerische Tugend gemacht, die den uneingestandenen Irrtum institutionalisiert: Alle fünf Jahre soll das „Palimpsest“, wie sich die Überschreibung vornehm nennt, erneuert werden.

          Groteskes Missverstehen von Poesie

          Das passt in die verquere Diskussion, in der die Freude an der Schönheit des Lebens mit Sexismus verwechselt und ein groteskes Missverstehen von Poesie für Emanzipation gehalten wird. Das ambitionierte Auftreten der Diskursaktivistinnen, die glaubten, in Gomringers Gedicht zu sexualisierten Objekten degradiert zu werden, schadet der Sache – und zwar nicht nur der freien Kunst, deren Kreativität im politisierten Zwangskorsett erstickt wird, sondern genau jener Gleichbehandlung, in deren Namen die Kritikerinnen gegen eine vermeintlich patriarchale Poesie aufbegehrten. Ein gefundenes Fressen ist diese falsch adressierte Empfindlichkeit für all jene, die schon immer gewusst haben wollen, dass Frauen es eigentlich nie schwerer als Männer hatten, deren strukturelle Begünstigung eine hysterische Einbildung des weiblichen Geschlechts sei, und es demzufolge auch nicht überrasche, dass Männer nicht einmal mehr Gedichte schreiben dürften.

          Nun ist es zu spät – und doch könnten uns die durchscheinenden Buchstaben entgegen ihrer Intention daran erinnern, dass wir keine Überschreibungen brauchen. Wir brauchen ein gleichberechtigtes Miteinander, das Differenz aushält – sogar dann, wenn ein Gedicht an der Wand steht, das Frauen anbetet.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

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