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Museum der Moderne : Neunzig Millionen für „Sonstiges“

Es war eine Gelegenheit, bei der die Hauptstadt mal wieder richtig Hauptstadt sein durfte: Bei der Eröffnung des Wettbewerbs für ein Museum der Moderne in Berlin sorgt die Kostenaufstellung für Lacher.

          Kurz vor Schluss der Veranstaltung, die sonst ganz dem Wahren, Ernsten und städtebaulich Guten diente, kam Heiterkeit auf. Es ging darum, dass von den zweihundert Millionen Euro, die das geplante Museum der Moderne am Berliner Kulturforum kosten soll, glatte neunzig Millionen für „Sonstiges“ reserviert sind, wie ein Experte des Bundesbauamts erläuterte – also für Planungskosten, Risikovorsorge, Sicherheitsanlagen, Transport „und Möblierung“. Ja, eine Sitzbank, die ist teuer!

          Aber irgendwann, so von Mitte der zwanziger Jahre an, wird man dann auf poliertem Edelholz hocken und die edelsten Stücke der Sammlungen Pietzsch, Marx und Marzona bewundern können – mitten in Berlin, zwischen Philharmonie und Neuer Nationalgalerie, dort, wo sich heute noch Löwenzahn und Currywurst gute Nacht sagen. Hier nämlich baut demnächst der Bund ein Haus für die Kunst, für das die zuständige Kulturstaatsministerin eigens einen Ideenwettbewerb ausgelobt hat, der am Freitag unfeierlich eröffnet wurde; der auf ihm fußende Realisierungswettbewerb, sozusagen das Anbaden nach dem Trockenschwimmen, soll dann im nächsten Jahr folgen.

          Der „point of no return“ ist nah

          Sehr bald, erklärte Monika Grütters, werde dann der „point of no return“ erreicht sein, der Punkt, so übersetzen wir uns das, an dem sich alle Beteiligten derart nass gemacht haben, dass keiner ohne Blamage wieder aus dem Wasser steigen kann. Sage niemand, Kulturpolitik habe keine Balken – sie bohrt sogar die dicksten Bretter, selbst wenn dabei eine quer durch Europa laufende Starkstromleitung „verschwenkt“ werden muss (so ein Experte der Stiftung Preußischer Kulturbesitz), damit der neue Museumsbau und Mies van der Rohes Kunstpavillon miteinander „im Dialog“ (noch so ein Expertenwort) sind. Es war, mit anderen Worten, einer jener Tage, an denen die Hauptstadt mal wieder richtig Hauptstadt sein durfte, auch wenn „die bescheidenen Mittel des Landes Berlin“ (so die unzuständige Senatsbaudirektorin Regula Lüscher) dabei hinter den urlaubsgebräunten Geschenkbringern des Bundes verblassen mussten.

          Jetzt sind also alle zufrieden: die Architekten der Welt, weil sie mal wieder Ideen haben dürfen; die Sammler, weil sie ein Museum an der Potsdamer Straße bekommen, wo sie es haben wollten; ein Hamburger Unternehmer, dem ein Teil des Baugeländes gehört, weil er im Tausch dafür ein Luxusgrundstück direkt am Tiergarten bekommt; und der Steuerzahler, weil er das alles bezahlen darf. Warum das Projekt so kostspielig sei, wo doch Münster und Essen für ihre neuen Museen nur jeweils gut fünfzig Millionen Euro ausgegeben hätten, wurde auf der Pressekonferenz gefragt. Nun, das sei eben Berlin, lautete die Antwort. Hier hätten die Handwerker einen anderen Preis. Ganz zu schweigen, ergänzen wir, von den Museumsmöbeln.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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