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Model Winnie Harlow : Die Abweichlerin

Das Model Winnie Harlow zeigt, dass Schönheit nichts mit Perfektion und Makelosigkeit zu tun haben muss. Bild: Reuters

Sie ist nicht perfekt – na und? Winnie Harlow ist das Aschenputtel unter den Models. Doch eigentlich ist Inklusion auf der Fashion Week nur ein Märchen.

          Wenn die New York Fashion Week heute zu Ende geht und die Modewelt wieder auseinanderströmt, dann werden sich die Akteure zum Abschied noch einmal gegenseitig auf die Schultern klopfen und sich für ihre Offenheit dem Schönheitsbegriff gegenüber feiern. Seht her, lautet die Botschaft dieser Modewoche an die Kritiker des Model-Magerwahns, wir sind für flexible Bewertungskategorien und Vielfalt, weshalb in New York nicht nur dürre Models die Laufstege bevölkern!

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Den vermeintlich besten Beweis dafür liefert derzeit die Kanadierin Chantelle Brown-Young, die sich Winnie Harlow nennt und bereits bei der Castingshow America’s Next Topmodel um die Krone kämpfte, trotz, oder besser gesagt, gerade wegen ihrer Krankheit. Winnie Harlow – sehr groß, sehr dünn, sehr schön – leidet wie einst Michael Jackson an der Pigmentstörung Vitiligo, auch Weißfleckenkrankheit genannt. Auf ihrem dunkelhäutigen Körper und in ihrem Gesicht zeichnen sich große helle Flecken ab. Als Kind, aufgewachsen im Getto von Toronto, wurde sie böse gehänselt und von Mitschülern als „Zebra“ und „Kuh“ verspottet. Inzwischen hat der Rapper Eminem sie für ein Musikvideo engagiert, zudem ist sie die Markenbotschafterin des spanischen Labels Desigual, dessen Show sie in New York eröffnen durfte. Auch in London lief Winnie Harlow schon für den Designer Ashish, der in einem Interview sagte, Winnies einzigartiger Look fordere die Vorstellung der Branche von Schönheit heraus, „eine Branche, die besessen ist von ,Perfektion‘ und einem Mainstream-Konzept dessen, was schön ist oder edgy“.

          Spielverderber

          Aus Aschenputtel ist Schneewittchen geworden. Was für eine märchenhafte Geschichte in einem knallharten Geschäft, das so arm an Märchen ist. Und man würde es ja gerne glauben, dieses Märchen, und sich dem in den Medien und sozialen Netzwerken angestimmten Chor derer, die jetzt ein Zeitalter der Vielfalt anbrechen sehen, anschließen. Es ist ja auch nicht ganz von der Hand zu weisen, dass auf internationalen Laufstegen Models reüssieren, die vor zehn Jahren absolut undenkbar gewesen wären. Dazu gehört auch der Brite Jack Eyers. Er trat als erstes beinamputiertes Model bei einer New Yorker Modewoche auf, und zwar für FTL Moda, wobei das Label ausschließlich Models mit Gehbehinderung engagiert hatte. Verwunderlich daran ist vor allem, dass es derart lange gedauert hat, bis die Modebranche diese Zielgruppe entdeckt hat – als schlössen im Rollstuhl sitzen und sich attraktiv kleiden einander von vornherein aus. Ein Boulevardblatt titelte bei all diesen scheinbaren Inklusionsbemühungen jedenfalls begeistert: „Perfektion war gestern!“

          Schön wär’s. Weit mehr als 300 Schauen fanden in den vergangenen Tagen in New York statt. Neben Designerlieblingen wie Alexander Wang oder Victoria Beckham hatte nur das Außergewöhnliche eine Chance, von der Masse überhaupt wahrgenommen zu werden. Auf die Gefahr hin, als Spielverderber zu gelten: Voyeurismus kommt hier wohl noch weit vor dem Inklusionswillen. Märchen sind nach wie vor etwas für Kinder.

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