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Das Manifest einer Medizinrevolution : Keine Tabus mehr im Kampf gegen Krebs

  • -Aktualisiert am

Meditation ist für viele Essener Patienten Teil der integrierten Krebsbehandlung geworden. Bild: Klinik für Naturheilkunde, Kliniken Essen-Mitte

Wir haben verstanden: Die Naturheilkunde ist nicht länger der Feind der Schulmedizin. Im „Krieg gegen Krebs“ wird sie zu unserem Verbündeten. Denn der Patient zählt, nicht die Technik.

          8 Min.

          Siebzig Prozent aller Krebspatienten nehmen während ihrer Behandlung Naturheilmittel. Die meisten Patienten aber verschweigen das ihrem Arzt. Sie haben Angst vor dem mitleidigen Lächeln ihres Onkologen: Was wollen Sie denn mit Kräutern, fragt der nicht selten. Sie sind schwer krank! Am besten ist, Sie machen gar nichts. Wir kümmern uns schon um Sie!

          Falsch. Patienten können sehr viel für sich tun, auch wenn es sich um so eine komplexe Krankheit wie Krebs handelt. Die Naturheilkunde bietet viele Möglichkeiten, wenn es darum geht, die Belastungen einer Operation gering zu halten, die Nebenwirkungen von Bestrahlung oder Chemotherapie zu lindern und die Psyche zu stärken. Das nützt auch den Onkologen - denn die Zahl der Therapieabbrüche sinkt mit ihr. Heute hält durchschnittlich jede dritte Brustkrebspatientin ihre Antihormontherapie nicht durch, weil sie die Nebenwirkungen wie Hitzewallungen oder Gelenkschmerzen nicht erträgt. Meditation oder Akupunktur jedoch könnten dabei helfen, diese Symptome abzuschwächen und die Behandlung wie von den Ärzten geplant fortzusetzen.

          Die Kranken können mitwirken

          Patienten wollen selbst zu ihrer Gesundung beitragen - vor allem Krebskranke. Das ist der häufigste Grund, warum sie sich Naturheilverfahren wünschen. Selbst auf eine Bedrohung reagieren zu können, das zeigt die Stressforschung ganz deutlich, erhöht die Überlebenschance. Eine aktive Beteiligung der Patienten liegt jedoch häufig nicht im Sinn der Onkologen, weil jene die Kontrolle über die komplexe Krankheit nicht verlieren wollen. Diese aber benötigt nicht nur Instrumente der Zerstörung wie Chemotherapie oder Bestrahlung, sondern auch des Aufbaus: Empathie, Einfühlungsvermögen, Zeit für Aussprache, für die Kommunikation.

          Krebsexperten und Autoren des Buches „Gemeinsam gegen Krebs”: Sherko Kümmel (links), Onkologe, und Gustav J. Dobos, Internist und Arzt für Naturheilkunde

          Wie wichtig es ist, die Patienten zu aktivieren, erfahren wir täglich an unseren Kliniken in Essen. Seit etwas über einem Jahr behandeln wir dort Brustkrebspatientinnen nach den Prinzipien der Integrativen Onkologie. Das bedeutet, dass sie gemeinsam von auf Tumormedizin spezialisierten Gynäkologen und naturheilkundlich ausgebildeten Internisten gemeinsam betreut werden. Neben den modernsten onkologischen Therapien - schonenden OP-Verfahren, Antikörpern, neuartigen Zellgiften - erhalten die betroffenen Frauen auch Ringelblumensalbe gegen Strahlenschäden, Kältebehandlungen gegen Nagelveränderungen oder Akupunktur gegen die Nebenwirkungen einer antihormonellen Therapie. Sie werden sporttherapeutisch betreut, bekommen ein eigenes Ernährungsprogramm und lernen Yoga oder Meditation zur Entspannung.

          Das ist neben der onkologischen Therapie der wichtigste Teil der Behandlung: Die „Mind-Body“-Medizin arbeitet mit Techniken wie kognitiver Umstrukturierung oder Imagination daran, Angst und Stress zu nehmen. Sie legt das Fundament für ein bewussteres, neues Leben nach der Krankheit.

          Realität in den besten US-Tumorzentren

          Vorbild dieses in Europa einzigartigen Pilotprojekts sind die Vereinigten Staaten. Deren große Krebszentren, renommierte Kliniken wie das Memorial Sloan-Kettering Cancer Center in New York, die Harvard Medical School in Boston oder die Mayo-Klinik haben auf Druck ihrer Patienten schon zur Jahrtausendwende Abteilungen für Integrative Onkologie eingerichtet. Dort wird nicht nur klinisch behandelt, sondern auch geforscht - nach den strengen Maßstäben der evidenzbasierten Medizin, wissenschaftlich dokumentiert und überprüfbar. Die Nachfrage nach seriöser Information ist groß: Die Heilkräuter-Webpage des Sloan-Kettering wird täglich rund fünftausendmal angeklickt und ist neben den Medizinseiten im "Scientific American" und der "New York Times" zu einer der wichtigsten Gesundheitsinformationsseiten des Landes gekürt worden.

          Der vor 1971 von Präsident Richard Nixon ausgerufene "Krieg gegen den Krebs" ist noch lange nicht beendet: Zwar ist die Zahl der Todesfälle durch Krebs in den Vereinigten Staaten etwa bis 2006 um 18 Prozent gefallen. Doch die Opfer von Herz-Kreislauf-Leiden nahmen im selben Zeitraum um 64 Prozent ab, die durch Lungenentzündung und Grippe um 58 Prozent. In Deutschland, wo jährlich rund 436.000 Menschen neu an Krebs erkranken und etwas mehr als 210.000 daran sterben, überleben inzwischen 60 Prozent der Frauen und 53 Prozent der Männer länger als fünf Jahre. Die Onkologie hat zwar einiges für einzelne Patientengruppen erreicht. Doch verglichen mit dem hohen Einsatz an Forschung, Diagnostik und Therapie sind die Ergebnisse bescheiden.

          Abwärtstrends in der Krebsstatistik sind bis auf wenige sensationelle Entdeckungen vor allem auf die verbesserte Früherkennung zurückzuführen. Problematisch bleibt es, wenn der Tumor bereits gestreut hat: Zum Beispiel lebt von Brustkrebspatientinnen in diesem Stadium nur jede Fünfte länger als fünf Jahre. Die Überlebensrate bei metastasierendem Dickdarm oder Prostatakrebs hat sich in vierzig Jahren kaum verbessert, geschweige denn die von Lungenkrebs, die immer noch unter zehn Prozent liegt.

          Nur geprüfte Naturheilverfahren sinnvoll

          Die Gefahr ist groß, dass Patienten in der Hoffnung auf Heilung unseriösen alternativen Naturheilverfahren zum Opfer fallen. Einige dieser Verfahren sind noch im Experimentierstadium, andere bereits nachgewiesen unseriös, und fast alle sind skandalös überteuert. Kein einziges hat bisher einen Überlebensvorteil nachweisen können. Trotzdem setzen immer wieder Kranke ihre Heilungschancen aufs Spiel, indem sie die onkologische Therapie abbrechen. Dass es so viele unseriöse Pseudotherapien auf dem Markt gibt, liegt auch daran, dass die Onkologie bisher selten gesprächsbereit war, wenn Patienten nach zusätzlichen Angeboten fragten.

          Die Integrative Onkologie geht jetzt einen anderen Weg: Sie arbeitet mit seriösen und nachgewiesenen naturheilkundlichen Methoden und setzt auf Information und Transparenz. Wie notwendig es ist, dass Arzt und Patient offen miteinander reden, zeigen die Risiken der Heimlichkeit. Schon ein Glas Grapefruitsaft zum Beispiel oder Johanniskraut können die Wirkung einer Chemotherapie aushebeln. Multivitaminkuren, sonst als Radikalfänger gepriesen, wirken den erwünschten Folgen der Bestrahlung entgegen. Das Immunsystem unter einer onkologischen Behandlung pauschal stärken zu wollen, ist ohnehin kontraproduktiv - was medizinische Laien selten wissen. Komplementäre Therapien, warnt deshalb die Deutsche Krebsgesellschaft, seien bei Tumorpatienten leider „nicht an den Erkenntnissen orientiert“.

          Die Neugestaltung der Krebstherapie nutzen

          Aber gilt das nicht allzu oft auch für die konventionelle Krebsmedizin? Allein das Wissen über Brustkrebs verdoppelt sich alle zwei Jahre. Behandlungsentscheidungen müssten eigentlich ständig angepasst werden. Doch unter dem Zeitdruck, der im Klinikalltag herrscht, wird in der Onkologie häufig auf das zurückgegriffen, von dem man annimmt, es habe sich bewährt - auch wenn es wissenschaftlich schon längst widerlegt ist. An den Kliniken Essen-Mitte erarbeiten Mediziner individuelle Therapiepläne für jede einzelne Patientin. Sie prüfen Leitlinien, durchsuchen Literaturdatenbanken, sichten Kongressberichte und die Zwischenergebnisse laufender Studien. Um diese Fülle an aktuellen Informationen zu strukturieren, wurde eigens eine weltweit einzigartige Expertendatenbank, „SenoExpert“, entwickelt.

          Während heute noch Kranke mit demselben Tumor ähnlich behandelt werden, wird man die Behandlung in Zukunft zunehmend nach der genetischen Disposition variieren und personalisieren. Die ersten Tests um herauszufinden, ob Patienten eine Chemotherapie benötigen oder nicht, gibt es schon. Wir verwenden beispielsweise einen Test, der die Aktivitätsmuster von sechzehn Genen und fünf Kontrollregionen im Genom offenlegt und so das individuelle Risiko für ein Wiederauftreten der Erkrankung angibt. Wird dieses als gering angegeben, ist eine Chemotherapie nicht sinnvoll, sondern belastet die Patientin unnötig. Jede fünfte Frau, die nach herkömmlicher Diagnostik eine Chemotherapie erhalten hätte, wird so inzwischen geschont. Bei drei Prozent der Patientinnen liefert es umgekehrt eine Empfehlung für eine Chemotherapie, die man früher für unnötig gehalten hätte. Außerdem zeigt der Test, ob der Tumor hormonell beeinflusst ist, was bei herkömmlichen Laborverfahren nicht immer richtig erhoben wird. Wertvolle Therapiemöglichkeiten wie eine antihormonelle Behandlung können so genutzt werden.

          Der Stoffwechsel reagiert auf Meditation

          Der Stoffwechsel reagiert, wie Studien zeigen, nicht nur auf Medikamente, sondern auch auf Meditation oder andere Bewusstseinstechniken. Diese beeinflussen körpereigene Stoffe - Cortisol etwa, immunmodulierende Zytokine, Tumornekrosefaktoren und andere Stoffe, die das Immunsystem beeinflussen. Das Meditationsverfahren MBSR ("Mindfulness based stress reduction") reduziert nicht nur Stress, sondern stabilisiert das Herz-Kreislauf-System und den Verdauungstrakt und wirkt Stimmungsschwankungen entgegen.

          Während die Tumormedizin also lernt, das Individuum in seiner Einzigartigkeit ernst zu nehmen, ist die Naturheilkunde ihrerseits gezwungen, ihre individuellen Erfahrungen zu systematisieren und an größeren Patientengruppen nachzuweisen. Es wird Zeit, dass die traditionellen Heilkunden ihren Biotop der reinen Erfahrungsmedizin verlassen. Und es ist borniert, wenn die Onkologie weiterhin ignoriert, was Patienten wirklich wollen: Eine Medizin, die sie nicht einem Behandlungsschema ausliefert, sondern sie in ihrer Einzigartigkeit als Partner ernst nimmt.

          Demographie: Zwangsläufig immer mehr Krebsfälle

          Fakt ist: Die Zahl der Krebskranken wächst. Bis 2020 wird es fünfzig Prozent mehr Patientinnen geben, ein Viertel mehr männliche. Weil das Lebensalter ebenfalls steigt, werden viele zu dem Kreis der "medically non-fit" gehören, die aufgrund von Begleiterkrankungen aggressive onkologische Therapien nicht mehr verkraften. Krebs kann dann zwar nicht mehr besiegt werden, aber das Ziel ist, ihn als chronische Krankheit im Zaum zu halten. Dazu können naturheilkundliche Therapien und Lebensstiländerungen im Rahmen der "Mind-Body-Medizin" viel beitragen.

          Dieses spannende Wechselspiel zweier Welten erfordert Professionalität statt Probieren und Wissenschaft statt Weltanschauung. Es verlangt Zusammenarbeit und Lernbereitschaft im Team. Eine naturheilkundliche Sprechstunde, wie sie hier und da Krebspatienten angeboten wird, hinkt hinter den Standards der Integrativen Onkologie zurück, weil sie sich nicht wirklich auf das komplexe Feld der Krebsmedizin einlässt - quasi am Rande der Stromschnellen navigiert. Naturheilkunde kann mehr als Symptome „sanft“ lindern. Sie wirkt auf die Regulationsfähigkeit des Organismus, weckt sein Widerstandspotential, die Basis der Salutogenese - der Wissenschaft von der Gesundheit.

          Das Potential pflanzlicher Substanzen ist hoch und vielfältig, aber auch das Risiko unerwünschter Wechselwirkungen. Dass das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg mehr als vierhundert chinesische Heilkräuter auf ihre Antikrebswirkung hin untersucht, ist ein erster Schritt. Entdeckt werden dabei meist einzelne Effekte. Es muss jedoch noch viel Forschung erfolgen, um die systemischen Wirkungen komplexer pflanzlicher Verbindungen zu erklären. So wie die Onkologie ihren Schwerpunkt immer mehr von den Tumorzellen auf die Signalketten verlagert, die sie entstehen lassen, muss auch die ganzheitliche Wirkung naturheilkundlicher Verfahren erforscht werden.

          Doch Lehrstühle, die entsprechende Forschung betreiben, sind bei uns ausschließlich stiftungsfinanziert. Es wird Zeit, dass hier die Deutsche Krebshilfe aktiv wird oder staatliche Mittel eingesetzt werden wie in den Vereinigten Staaten. Das National Center of Complementary and Alternative Medicine an den National Institutes of Health erhielt im Jahr 2010 schon 128 Millionen Dollar für Forschungszwecke.

          Behandlung „mit der Gießkanne“ entfällt

          Das alles nützt aber nur, wenn Krebsbehandlungen auch nach dem jeweils neuesten Stand der Medizin durchgeführt werden, damit die individuell beste Therapiestrategie gefunden wird. Zu viele Patienten werden bisher noch nach dem Gießkannenprinzip gleich behandelt. Das kostet nicht nur sinnlos Geld, etwa durch den fruchtlosen Einsatz von Chemotherapien, sondern macht die Kranken noch kränker und destabilisiert sie psychisch. Das Für und Wider einer Therapiestrategie muss deshalb genau abgewogen werden. Fast immer sind dazu nur kompetente Ärzten an spezialisierten Zentren in der Lage.

          Krebs zu behandeln, ohne auf dem neuesten Stand der Forschung zu sein, ist fahrlässig. Erste Fachgesellschaften schließen nun naturheilkundliche Therapien wie die Achtsamkeitsmeditation in ihre Empfehlungen mit ein. Bis vor kurzem hätten viele Onkologen das mit müdem Lächeln quittiert. Es geht nicht mehr darum, ob eine Behandlung aus „schul“-medizinischer Sicht geschieht oder aus „natur“-medizinischer. Jeder Patient und jede Patientin brauchen das für sie individuell Richtige - das Beste beider Welten. Vor allem aber brauchen die Patienten Stärkung - „Empowerment“.

          Gustav J. Dobos, Naturheilkunde-Experte, und Sherko Kümmel, Brustkrebs-Spezialist, haben an den Kliniken Essen-Mitte die Zusammenführung von Krebsmedizin und Naturheilkunde zur „Integrierten Onkologie“ vorangetrieben.

          In dieser Woche erscheint ihr Buch "Gemeinsam gegen Krebs" im Verlag Zabert Sandmann, München.

          Für Interessierte haben sie eine Telefon-Hotline an den Kliniken eingerichtet. Telefon: 0201 - 174 - 33033

          Zu den Videos des Verlags:

          Video: Mind-Body-Medizin gegen Krebs

          Video: Die Zukunft der Krebsmedizin

          Video: Gemeinsam gegen den Krebs

          Video: Akupunktur gegen Krebs

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