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Ledermuseum in Offenbach : Vom Häuten der Bibel

Früher Lagerhaus, heute Museum: der klassizistische, weiße Bau beherbergt Offenbachs Ledermuseum. Bild: Wenyuan Gu

Das lederne Zeitalter: Im Deutschen Ledermuseum in Offenbach wird existentieller und plastischer als andernorts Menschheitsgeschichte erzählt.

          Dass das Deutsche Ledermuseum seinen Sitz in Offenbach hat, liegt historisch schlicht an einer Massierung lederverarbeitender Industrie in dieser Stadt. Im Grunde aber sollte es in jeder Hauptstadt der Welt neben den historischen Museen auch ein Ledermuseum geben, denn das Leder als zweite, selbstgefertigte Haut des Homo sapiens macht diesen erst zum Menschen, da kein Tier sich Hüllen aus Haut fertigen und damit in wirklich allen Klimazonen leben kann. Wo sonst auch könnte ein Museumsbesuch so viel über die vielbeschworene Conditio humana und ihre Abwege verraten: Von den Anoraks der menschlichen Urahnen aus Fellen und Seehunddärmen, die diese vor dem jämmerlichen Durchnässen und Erfrieren bewahrten, bis zu barocken Innenräumen vollständig aus Ledertapeten; von Joschka Fischers Bundestagspremieren-Turnschuhen bis zum Lederstrumpf und Wunder-von-Bern-Fußball – in Offenbach zieht sich das lederne Zeitalter der Menschheitsgeschichte anstelle der herkömmlichen Stein- bis Siliziumzeit durch die Säle.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Gründungsphase des Ledermuseums Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts war eine Zeit der weit ausgreifenden enzyklopädischen Gesamtschauen. Hugo Eberhardt, der damalige Leiter der Technischen Lehranstalten in Offenbach, hatte 1912 auf einer Südtirol-Reise eine bizarre Tiroler Truhe aus dem sechzehnten Jahrhundert erworben, die vollständig lederüberzogen war. Daraus entstand die Idee, ein Museum zu gründen, das sich ausschließlich dem Werkstoff Leder widmen sollte. Die Truhe wurde Kern einer Sammlung, aus der mitten im Ersten Weltkrieg 1917 das Deutsche Ledermuseum hervorging.

          Elvis Presley als neuer Adam

          Vielleicht ist die schwierige Gründungsphase auch eine Ursache dafür, dass die Schau Leder und seine Verarbeitung sehr stark als Schutz und Überlebenstechnik in den Fokus stellt, von den Urkulturen an. Dass unsere Urahnen die unmenschliche Kälte der Eiszeiten nur durch das Schneidern von Fellkleidern überlebte, hat sich metaphorisch oder auch ganz handfest in zahlreichen Mythologien niedergeschlagen. Die Schöpfungsgeschichte der Bibel allerdings wartet mit einer besonderen Variante auf: Hier ist die Kleidung der ersten Menschen ein Gottesgeschenk. Zwar werden Adam und Eva aufgrund ihrer Versündigung nackt aus dem Paradies in die Welt geworfen, wobei ihre Feigenblätter sie nicht gegen die harte irdische Unwirtlichkeit feien; Gott selbst jedoch fertigt für die schlotternden Stammeltern – wie die Genesis-Erzählung wörtlich berichtet – „Tuniken aus Leder und hüllt sie darin ein“. In vielen mittelalterlichen Bildern, etwa auf dem silbernen Prachtreliquiar des heiligen Isidor von Sevilla in der nordspanischen Stadt León, ist Gott zu sehen, wie er den verstörten Urmenschen die von ihm maßgeschneiderten Lederkluften über den Kopf zieht – wie ein Vater den störrischen Kindern die Schlafanzüge beim Zubettgehen, wogegen sich Adam und Eva anfangs heftig sträuben. Und noch in den dreißiger Jahren wird der unbeugsame Theologe und Regimegegner Dietrich Bonhoeffer in der neuen Eiszeit der Nationalsozialisten diese Einkleidungsmetapher als größten Liebesbeweis der Barmherzigkeit Gottvaters gegenüber seiner fehlgegangenen Schöpfung wählen.

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          Wenn im Mai des heißen Jahres 1968 Elvis Presley als neuer Adam auf dem legendären NBC-Comeback-Konzert eine hautenge Lederpelle trägt, die reihenweise die Töchter Evas in die Ohnmacht hüftschwingt, liegt dieses „Zurück-zur-Urhülle“ der sündig gewordenen Urmenschen auf derselben Ebene wie die schwarz-archaischen Mad-Max-Lederkluften des Punk: ein Zurück in einen von gesellschaftlicher Überformung unbeleckten Urzustand – nicht des Adamkostüms, vielmehr des Überlebensschutzes gegen eine kalte Außenwelt ohne Zukunft.

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