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Laizistisches Frankreich : Das Schweigen in den Straßen

  • -Aktualisiert am

Leeres Straßencafé auf den Champs-Élysées Bild: Reuters

Frankreich hat mit dem islamistischen Terror besonders zu kämpfen. Liegt das an seiner laizistischen Verfassung? Jetzt dämmert dem Land, dass es besser ist, religiöse Kräfte zu binden, statt sie zu verbannen.

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          Im Januar, nach den Anschlägen auf die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ und den jüdischen Supermarkt, waren die Menschen, einem spontanen Solidaritätsimpuls folgend, noch auf die Straßen geströmt. Und sie hätten sich von ihrem Willen, die halbe Nacht zu einer Demonstration der Stärke zu machen, auch von einem ausgerufenen Notstand wahrscheinlich nicht abbringen lassen. Im Januar hallte ihr Ruf „On n’a pas peur!“ („Wir haben keine Angst!“) über die Place de la République, in deren angrenzenden Bars und Restaurants – „Chez Charlie“ – getrunken und gelacht wurde, wie sonst auch.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Diesmal ist davon nicht viel zu sehen. Am Samstagabend lagen die östlichen Arrondissements von Paris wie ausgestorben da. Und am Sonntagabend reichte ein Feuerwerkskörper, um die Leute in Panik auseinanderlaufen und dann schnell nach Hause kehren zu lassen. Paris ist nicht kämpferisch gestimmt in diesen Tagen, es ist schweigsam wie selten. Wenn aber die Solidaritätsbewegung im Januar als Zeichen gerade auch an die Terroristen interpretiert worden war, dass man sich nicht auseinanderbringen lasse, dass die Attentäter ihr Ziel einer Spaltung der Gesellschaft nicht erreichen würden, wie hat man die nun eingekehrte Stille dann zu deuten?

          „Es wird sehr, sehr schwer“, sagt der Politologe Hugo Micheron, ein Nahost-Spezialist, der am Centre de recherche internationales über Dschihadismus forscht. Die Stigmatisierung von Muslimen werde sich verstetigen. Die Regionalwahlen stehen vor der Tür und drohen dem rechtsradikalen Front National einen Erfolg zu bescheren. Vor allem die Regionen ganz im Süden und im Norden Frankreichs hält Micheron schon fast für verloren, was fatal wäre, weil die Regionen gerade in Bildungs- und Kulturfragen ein gewisses Gestaltungspotential besitzen. Wer immer jetzt anfangen möchte, dem Phänomen des Dschihadismus auf französischem Boden anders als repressiv zu begegnen, dürfte auf Widerstand stoßen. Dabei weisen Politologen wie Hugo Micheron schon seit Jahren auf die Gefahren hin, die von islamistischen Kämpfern ausgehen, und ebenso lange predigen sie die Bedeutung präventiver Arbeit.

          Vertrauen als unabdingbare Grundlage

          Um dem Dschihadismus etwas entgegenzusetzen, mit dem Frankreich wegen seines hohen Anteils muslimischer Bevölkerung offenkundig besonders zu kämpfen hat, ist aber, wie sich nun wieder zeigt, eine Expertise notwendig, an der es im Land bisher mangelt. Gerne wird in diesem Zusammenhang auf den Lehrstuhl hingewiesen, den Gilles Kepel jahrelang an der Hochschule Sciences Po unterhielt, mit einem Heer von Mitarbeitern, das allerdings nur wenige Wochen bevor im Dezember 2010 der tunesische Gemüsehändler Mohammed Bouazizi mit seiner öffentlichen Selbstverbrennung den Arabischen Frühling auslöste, in die Wüste geschickt worden war. Warum? Weil sich Gilles Kepel, so ist zu hören, durch selbstherrliches Auftreten zu viele Feinde gemacht hatte. Und weil diese Feinde einen administrativen Fehler von ihm nutzten, um offen geglaubte Rechnungen zu begleichen.

          Es fehlen jedenfalls Dschihadismus-Experten, die auch Mitarbeiter von Polizei und Justiz schulen könnten. Genauso mangelt es an Projekten, die der islamistischen Radikalisierung von Jugendlichen entgegenwirken könnten. Eigenen Angaben zufolge hat die französische Regierung in diesem Jahr zwar 8,6 Millionen Euro für Programme zur Deradikalisierung zur Verfügung gestellt. Und es gibt natürlich mehrere Initiativen wie beispielsweise „Entr’Autres“ in Nizza, eine kleine Organisation, in der sich drei Psychologen und ein Politologe um gefährdete Jugendliche aus der Gegend bemühen, ihnen bei der Suche nach Arbeit helfen, aber auch bei sozialen und familiären Problemen beistehen.

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