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Das Kunstkollektiv Woina : Wahre Kunst bedeutet Krieg

Radikalität ist ihr Markenzeichen. Für die russische Polizei sind sie eine Bande. Wer steckt hinter den Kunstaktivisten „Woina“, die Ko-Kuratoren der Berlin Biennale sind?

          In der modernen Welt im Naturzustand der Jäger und Sammler zu leben gehört zum künstlerischen Ethos der Petersburger Aktionsgruppe mit dem zivilisationskritischen Namen „Woina“ (Krieg). Das heißt, dass sie ohne festen Wohnsitz auskommen, ohne Dokumente, und dass sie prinzipiell kein Geld in die Hand nehmen. Und das obwohl das Gründerpaar Nikolai Worotnikow, mit Künstlernamen „Wor“ (Dieb), und seine Frau Natalja Sokol, die er „Kosa“ (Ziege) ruft, mit ihrem zweijährigen Sohn Kasper unterwegs sind und ein zweites Kind erwarten.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Stadt-Partisanen leben von Ladendiebstahl sowie durch Unterstützung seitens des britischen Street-Art-Stars Banksy und der Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst (siehe Artikel auf dieser Seite), erklärt stolz der „Präsident“ von Woina, der gelernte Nano-Ingenieur Leonid Nikolajew, genannt „Jobnutyj“, ein derber Ausdruck für höheren Wahnsinn. Ljonja Jobnutyj feierte das vergangene Neujahrsfest, indem er vor Mitternacht im Hof einer Polizeiwache einen Gefangenentransporter in Brand steckte. Die vom Woina-Ideologen Alexej Pluzer-Sarno kommentierte Videodokumentation ist im Netz zu bewundern.

          Flüche von oben zum Jahreswechsel

          In einer Welt voller Blutsauger und Werwölfe der Polizei Kunst machen zu wollen wäre konformistisch, lehrt Pluzer-Sarno. Woina-Präsident Leonid findet eher, dass Randale durchaus Kunst sein und die Kultur voranbringen könne. Dem herkömmlichen Hooligan fehle es an Respekt für die Würde anderer Leute, erklärt der „verrückte“ Ljonja. Er und seine Mitstreiter hingegen erfüllten ihre zivile Pflicht, auch im Angesicht der Gefahr heroisch den aufrechten Gang zu proben. Woina verstecke sich nicht hinter „Contemporary Art“.

          Dass die Polizei die Gruppe als „Bande“ bezeichnet, nimmt er als Kompliment. Die feige Masse stehe brav auf genehmigten Demos herum und versende Flüsterbotschaften über Twitter, spottet Nikolajew über die jüngsten Protestaufmärsche. Aktionen wie seine zu Silvester seien heute die wichtigste Ausdrucksform kritischen Denkens in Russland, behauptet Nikolajew. Den Systemstützen der Miliz hatte zum Jahreswechsel statt der geschmückten Tanne der hauseigene Personentransporter Marke Ural geleuchtet, statt Sekt schäumte der Feuerlöscher, und statt Glückwünschen hagelte es Flüche und Verwarnungen von der Chefetage. Das sei die Kunst, die zu schaffen Woina laut ihrem Ko-Kuratoren-Vertrag mit der Biennale verpflichtet sei.

          Seine Unterwäsche erinnert an die Gefangenschaft

          Seine Pflicht gegenüber der Kunst bestehe in der Selbstvervollkommnung, verkündet Leonid: Wahre Kunst fordere stets den ganzen Charakter, Gesundheit, Nerven und sei folglich immer zerstörerisch. Das Merkmal einer geglückten Aktion sei das Gefühl völliger Einsamkeit und Luftleere, der Verlust aller Verbindungen zur Welt und zu allem Humanen. Es komme daher darauf an, mit der Kunst den eigenen Zerfall zu überholen und die nächste Eskalationsstufe noch lebend zu erreichen. Aus diesem Grund gebe es für ihn auch keine äußeren Inspirationsquellen, versichert Nikolajew. Für Inspiration brauche man Zeit, ein Dach über dem Kopf, einen Sessel, eine Wolldecke. Das alles habe er nicht, sagt der zerlumpte Ljonja. Er sei er ein Obdachloser, bekennt der 28-jährige „Präsident“. Seine Arbeitsunterhosen stammten noch aus dem Gefängnis, erklärt er. Die Frauenjacke, die er anhabe, teile er mit Natalja Sokol.

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