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Das Kunstkollektiv Woina : Wahre Kunst bedeutet Krieg

Natalja wird mit Haftbefehl gesucht. Am 31. März 2011 hatte sie bei der nicht genehmigten Demonstration für den 31. Artikel der russischen Verfassung, der eigentlich Versammlungsfreiheit garantiert, Polizisten aus einer Plastikflasche besprüht, die mit Urin gefüllt war. Bei der Pleinair-Skizze „Der angepinkelte Bulle“, wie Woina die Aktion betitelte, hatten zunächst Nikolajew und Worotnikow den Beamten ihre Uniformmützen vom Kopf gerissen. Dann besprengte Frau Sokol ihre Häupter mit Pisse, erklärt zur Fotodokumentation im Internet Pluzer-Sarno, der auch vom symbolischen „Im-Klo-absaufen-Lassen der Bullen“ spricht, womit er den berühmten Putin-Ausspruch variiert, seine Gewaltorgane würden Terroristen „im Klo abknallen“.

Eine Verkleidung, die den Geldbeutel schont

Doch Randalebekämpfer von den Omon-Sondermilizen nahmen das Künstler-Ensemble und sogar den kleinen Kasper, den Worotnikow auf dem Arm trug, fest. Das Kind kam wegen geringfügiger Verletzungen in den Gewahrsam einer Chirurgieklinik, aus der ihn sein Vater bald befreite. Seine Mutter wurde zusammen mit Nikolajew auf die Polizeiwache verfrachtet und dort im Lärmschutz lauter Musik verprügelt. Anderntags fuhr eine Eskorte sie zum Gericht. Doch unterwegs entwischte sie durch die Heckklappe und verschwand, wie der Chronist Pluzer-Sarno stolz notiert, „noch bevor die fetten Bullen sich aus dem Auto schälen konnten“.

Unterdessen erfüllte das Urintaufritual von Woina das Kunstkriterium der Welthaltigkeit. Einige Monate zuvor hatte ein hoher Petersburger Milizbeamter im Japanrestaurant seines Bezirks getafelt und sich betrunken. Als das Personal seine Temperamentsausbrüche bremsen wollte, machte er demonstrativ sein „kleines Geschäft“ mitten im Saal. Doch als sich später Journalisten nach dem Vorfall erkundigten, wussten das Management, Kellner und Küchenpersonal angeblich von nichts. Sie deckten den Beamten, der ihnen so animalisch deutlich gemacht hatte, wer der Chef war. Die Sonderrechte der Polizei, aber auch der orthodoxen Kirche veranschaulichte Worotnikow schon durch seine Aktion „Bulle mit Kutte“. Dabei schob er, in ein Priestergewand gehüllt und mit Polizeimütze auf dem Kopf, einen vollen Einkaufswagen an der Supermarktkasse vorbei, ohne zu zahlen - natürlich ungestraft.

Während die russische Gesellschaft in Apathie versank, spielte Woina eine wichtige Rolle, glaubt der Mentor der alternativen Kunstszene Andrej Jerofejew: Jetzt, da sich allerdings Widerstand gegen das System organisiere, seien sie beinahe überflüssig. Und im Gegensatz zu dem Phallus auf der Petersburger Zugbrücke, für den die Gruppe letztes Jahr den Innovationspreis erhielt, und der „Schlossrevolte“, wobei Polizeiautos umgedreht wurden, habe Leonid Nikolajews Neujahrsbrandstiftung auch künstlerisch Schwächen. Für Woina wäre es am besten, findet Jerofejew, in eine andere verkrustete Gesellschaft, etwa die weißrussische, weiterzuziehen.

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