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„The Bookworm“ : Sauberes Peking

Raum zum Denken für Einheimische und Zugewanderte: Das Café im „Bookworm“. Bild: Picture-Alliance

Weil Chinas Hauptstadt von „Großstadtkrankheiten“ geheilt werden soll, muss nun das Kulturzentrum „The Bookworm“ schließen. Aufgeben wollen die Betreiber aber noch nicht.

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          Was genau der Grund ist, dass das kleine Pekinger Kulturzentrum The Bookworm nach vierzehn Jahren nun Hals über Kopf schließen muss, wird man vielleicht nie erfahren. So ist es meistens in China. „Wir scheinen der weiter andauernden Säuberungsaktion gegen ‚illegale Strukturen‘ zum Opfer gefallen zu sein“, teilte der Manager David Cantalupo auf der Website des Bookworms mit. Die Säuberungsaktion läuft schon seit 2017 und hat offiziell das Ziel, Peking von „Großstadtkrankheiten“ wie Staus, schlechter Luft und Dichtestress zu heilen. Chinas Hauptstadt soll „schöner“ werden, Bauten ohne Baugenehmigung sollen nicht länger geduldet werden und die Zahl der Einwohner soll sinken. So will es Präsident Xi Jinping.

          Das bekamen als erstes informelle Händler und Wanderarbeiter zu spüren, von denen viele in ihre Heimatprovinzen zurückkehren mussten. Und nun also der Bookworm. Aus der früheren Leihbücherei für englischsprachige Bücher hat sich im Laufe der Jahre ein Ort für interkulturellen Austausch entwickelt. Es gab Lesungen, Konzerte, Filmvorführungen, Debatten und sogar ein eigenes Literaturfestival. Im angeschlossenen Café fanden viele Kulturschaffende einen Raum zum Atmen und Denken.

          Schnell ein letztes Buch kaufen

          Kritische Chinabücher gab es dort allerdings schon lange nicht mehr zu kaufen. Die Nachricht von der Schließung kam am Dienstag so schnell herum, dass sich schon ein paar Stunden später mehr als hundert Leute im kleinen Bookworm drängelten, um noch ein letztes Buch zu kaufen. „Vielleicht sollten wir öfter schließen“, scherzte Manager Cantalupo. Aufgeben wollen die drei Bookworm-Betreiber nicht, sondern sich nach anderen Räumlichkeiten in Peking umsehen. Leicht wird das sicher nicht. Der Pekinger Kulturverlag DuKu sucht gerade zum sechsten Mal nach einem neuen Lager, weil es wieder einmal „unumgängliche Gründe“ für eine Räumung gab. Und der Autor Xu Zhiyuan gab erst kürzlich bekannt, dass er eine seiner Owspace-Buchhandlungen schließen müsse, die auch als Veranstaltungsort genutzt wurde.

          Der Raum für alternative Kultur und Diskurse schrumpft merklich in Peking. Das gilt auch für interkulturelle Begegnungsstätten wie den Bookworm. Westliches Gedankengut ist der Führung nicht mehr willkommen. Das ist seit einiger Zeit auch an den Universitäten spürbar, wo immer häufiger Gastvorträge von Ausländern, auch Deutschen abgesagt werden. Ein Land, das entschieden in die Welt drängt, verschließt sich ihr gegenüber zuhause.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

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