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Das Kriminal : Der bessere Brunetti: Maresciallo Guarnaccia wankt durch Florenz

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Schurken und Schläfrige in Florenz: Magdalen Nabbs Krimis Bild: Diogenes

Vielleicht ist seine ewige Müdigkeit daran schuld, dass Maresciallo Guarnaccia; Krimi-Held aus Florenz, nicht seinem Rang entsprechend populär wurde.

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          Warum nur, warum ist Donna Leon mit ihren Venedig-Krimis, in denen Commissario Brunetti elegant wie ein italienischer Blazer von der Stange, immerhin 1-A-Konfektion, auftritt, warum ist dieser Brunetti samt seiner Leon viel populärer als die Florenz-Krimis der Magdalen Nabb, in denen Maresciallo Guarnaccia, etwas müde, gerade noch verhindert, dass ihm die Fälle den Bach runterschwimmen? Ja, der Maresciallo, das ist schon einer, von dem ein jeder, „der ihm begegnete, meinte, er schlafe noch beim Gehen“.

          Ist vielleicht Florenz weniger populär als Venedig? Schwer vorstellbar, denn in jener Hinsicht, auf die es ankommt, sind Florenz und Venedig einander gleich: Beide Städte erzählen bereits mit ihrem Namen ganze Geschichten; schon die Namensnennung ist ein Mythos, eine Italianità, eine grandiose Kulisse für fast jede Handlung. In „Nachtblüten“ von Magdalen Nabb (Diogenes, 19,90 €) sinniert der Maresciallo unter bekannten Umständen über die Lage: „Die Sonne brannte so grell vom ausgebleichten Himmel, dass ihm im Nu die Augen übergingen.“

          In der Hitze der Stadt ist es naturgemäß heiß. Aber ob das zum Übergehen der Augen führt? Gehen diese nicht viel mehr über, wenn der Mensch etwas begehrt, was er noch nicht hat, sondern erst bloß sieht? Eines ist gewiss, ob nun dem Maresciallo die Augen im Lichte übergehen oder nicht: Touristen sind unglaubliche Wesen. „Nicht zu glauben“, denkt der Maresciallo, „wie viele Menschen sogar noch gutes Geld dafür zahlten, um sich nicht nur all diesen Unbilden auszusetzen, sondern sich auch noch mit einer fremden Stadt und einer Sprache herumzuschlagen, deren sie nicht mächtig waren.“

          Aber für andere sind solche Städte wie Florenz gut: Sie nehmen Autorinnen und Autoren die halbe Arbeit ab. Ich glaube, es war Elias Canetti, der sagte, der Tourismus in Florenz sei ein Beispiel für die Rache der Geschichte an denen, die durch besondere, für die Ewigkeit geplante Macht hervorstechen wollten. Magdalen Nabb, die in Florenz lebende Engländerin, beschreibt Details, auf die es ankommt, zum Beispiel, dass bei tropischen Temperaturen die Autoreifen das gleiche schmatzende Geräusch machen wie an Regentagen. Sie lässt die massige Figur des Maresciallo nur langsam durch die aufgeheizte Stadt wanken, denn „er wollte vermeiden, dass ihm nach ein paar Schritten das Hemd am Leib klebte und ihn sein Gedächtnis und seine Geduld vor lauter Erschöpfung im Stich ließen“.

          Vielleicht ist doch die Müdigkeit, das Unausgeschlafene, daran schuld, dass der Maresciallo nicht seinem Rang entsprechend populär wurde. Ich kann mir vorstellen, dass man keinen krisenhaft bescheidenen Ermittler will, der sich im Notfall von der eigenen Gattin bestätigen lassen muss, dass er vielleicht doch nicht der Geringste unter seinen Kollegen ist. Aber auch Selbstzweifel und, siehe Columbo, das Unausgeschlafene können eine Figur über die Maßen populär machen.

          Vielleicht geht die Autorin in der Selbstverkleinerung ihres Protagonisten bloß zu weit: Die „Nachtblüten“ beginnen überhaupt erst mit einem fundamentalen Fehler des Maresciallo; er folgt einem Hilferuf nicht, aber man kann ihn verstehen, denn die Hilfsbedürftige versucht Leute von einer Geschichte zu überzeugen, ohne diese Geschichte wirklich preiszugeben. Daneben läuft eine andere Geschichte, der
          sich der Maresciallo überhaupt nicht gewachsen fühlt: In der Villa L'Uliveto wohnt eine Art Aldous-Huxley-Figur, ein englischer Kunstsammler namens „Sir Christopher“. So ein Sir legt den Einbruch in seine Villa nahe.

          Die Verlagerung des Englischen (und Amerikanischen) nach Italien hat eine kriminalliterarische Ursache: Mit diesem Selbstimport rettet sich der alte angelsächsische Krimi; er erneuert sich gattungsmäßig, und dieser neue, angelsächsische Kriminalroman macht dann, um die Spuren zu verwischen, auf Italienisch. Verwischt (und vom Publikum genossen) wird, wie old fashioned das Ganze ist. Großbritannien oder die USA sind kein Boden mehr, auf dem eine gewisse Beschaulichkeit, eine Art von Nachdenklichkeit plausibel erscheinen; eine solche Plausibilität beruht auf überschaubaren, geordneten Institutionen, wie sie in den Zentren der Weltwirtschaft kaum mehr existieren. Der Krimi hätte - ohne den Rückgriff aufs alte Europa - einige seiner Errungenschaften eingebüßt, vor allem diese gewachsenen Persönlichkeiten, die in mittelständischer, ja spießbürgerlicher Behaglichkeit wurzeln, die Miss Marples oder Maigrets. Der Unwille zu diesem Verzicht führt zu einer begrüßenswerten Renovierung stilistischer Traditionen.

          Magdalen Nabb ist eine hervorragende Schriftstellerin. Man kann das an einzelnen Sätzen ablesen - zum Beispiel an einem Vater-Sohn-Satz aus ihrem Roman „Das Ungeheuer von Florenz“: „Manchmal“, sagt da ein Sohn über den Vater, „nehme ich es ihm gar nicht übel, dass er mich verachtet hat.“ Mit solchen Sätzen sind die Menschenschicksale ineinander verknotet, und es kann sein, dass Magdalen Nabb weniger populär ist, weil „Maresciallo“ doch zu italienisch klingt, während „Commissario“ wenigstens entfernt an Derrick erinnert.

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