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RTL-Film „Das Joshua-Profil“ : Mit dem Babyphon die Welt retten

  • -Aktualisiert am

Wogegen kämpft der Mann? Max Rohde (Torben Liebrecht) mit seiner Pflegetochter Jola (Lina Hesker). Bild: RTL / Boris Laewen

Die RTL-Verfilmung von Sebastian Fitzeks Buch „Das Joshua-Profil“ ist Spannung pur, sie kommt also weitgehend ohne Inhalt und Logik aus. Man sollte sich Bier kalt stellen.

          Den wankenden Riesen Facebook oder die nach dem tödlichen Uber-Unfall mit dem Rücken zur Wand stehende Roboterauto-Branche wird dieser Film nicht freuen: Totalüberwachung bis zur digital implementierten Hinrichtung (durch Ferneingriff in die Autosteuerung) ist kaum geeignet, das so kurios plötzlich geschwundene Vertrauen in die mit unserem Leben verwachsene Technik zurückzugewinnen. Ist das aber überhaupt das Thema dieses pompös inszenierten Action-Thrillers? Da darf man zweifeln.

          Klar ist die Genese des Stoffs. Dem für reißerische Thriller bekannten Bestseller-Autor Sebastian Fitzek fiel irgendwann auf, dass er durch seinen Google-Suchverlauf Geheimdiensten als höchst verdächtig erscheinen müsste. Flugs war der Roman über einen unbescholtenen Thriller-Autor geschrieben, der in die Fänge einer in diesem Fall privaten Überwachungsfirma gerät. Doch Fitzek pumpte die ursprüngliche Idee ordentlich auf. Die Recherchen zu blutigen Morden spielten nun eigentlich keine Rolle mehr, dafür eine halbherzige Pflegekindproblematik, ein eher unbeholfen ins Science-Fiction-Genre hinüberlappender Pre-Crime-Plot à la „Minority Report“ (und damit nach Philip-K.-Dick-Vorbild), eine überflüssige Pädophilie-Nebenhandlung sowie die schwer traumatische Vergangenheit des Protagonisten Max Rhode

          Thriller verkaufen sich nicht so gut

          „Die Blutschule“, das einzig erfolgreiche und vorgeblich auf Albträumen beruhende Buch des Helden, handelt nämlich unbewusst von eigenen Erlebnissen: Der Vater hatte seine zwei jungen Söhne misshandelt und zum Töten erzogen. Fitzek, dem man nicht zu nahe tritt, wenn man ihn einen Schnellschreiber nennt, verfasste auch dieses Buch im Buch unter dem Pseudonym Max Rhode. Vielleicht die charmanteste Idee des Films ist es nun, Fitzek selbst als Buchhändler auftreten zu lassen, der dem vor leeren Reihen aus der „Blutschule“ lesenden Protagonisten, tapfer verkörpert durch Torben Liebrecht, diesen Tipp gibt: „Vielleicht probieren Sie es das nächste Mal in einem anderen Genre, was Erotisches vielleicht, weil: Thriller verkaufen sich nicht so gut in Deutschland.“

          Den Roman „Die Blutschule“ aus dem Film gibt es tatsächlich - Sebastian Fitzek hat ihn 2015 unter dem Pseudonym „Max Rohde“ veröffentlicht.

          Die Filmadaption nach einem Drehbuch von Jan Braren hat ansonsten leider versucht, sämtliche der allzu vielen hochdramatischen Erzähllinien beizubehalten. Sie nehmen sich gegenseitig die Wirkung. Kämpft hier ein Mann mit seinen Traumata? Kämpft er gegen die Unterstellung an, ein geborener Verbrecher zu sein? Kämpft er gegen Jugendamt und Polizei, die ihm nach einer recht plump inszenierten Verleumdung die Stieftochter (Lina Hüesker) wegnehmen möchten? Oder kämpft er gegen eine opake Macht, die in einer expressionistischen Kathedrale der Finsternis residiert und wie eine Mischung aus NSA, Silicon Valley und Hochfinanz-Mafia wirkt?

          Selten ist die brisante Überwachungsfrage so dümmlich abgehandelt worden. Knackeböse Schurken an der Konzernspitze und zu Obdachlosen mutierte Computercracks: Zum Glück besitzt der Held eine Geheimwaffe, ein Babyphon. Man bekommt erst mit der Zeit mit, dass das Pre-Crime-Programm „Joshua“ vorhergesagt hat, Rhode werde ein Verbrechen begehen. Und nun muss dies auch geschehen (oder Rhode ausgeschaltet werden), weil ein Algorithmus sich nicht irren darf. Das hat irgendwie mit Investoren zu tun, braucht man so genau nicht zu wissen.

          Regisseur Jochen Alexander Freydank ist das alles ohnehin einigermaßen schnuppe. Ob nun emotionale Familiengeschichte oder Michael-Kohlhaas-Feldzug gegen eine Technodiktatur: Ihm geht es nur darum, wie ein Dreitagebart-Adonis in Kapuzenpulli gegen alle und alles anrennt, gegen das System, gegen die Vorsehung, gegen das Misstrauen seiner Frau (Franziska Weisz), gegen den Bruder (Max Hopp) und gegen sich selbst. Er muss die entführte Stieftochter finden, während die Polizei ihm als vermeintlichem Entführer auf den Fersen ist. Es versteht sich, dass dem ewig rennenden, topfitten Rhode dabei eine vom Himmel gefallene schöne Frau zur Seite steht (Inez Bjørg David). Das ist, wenn man auf Logik und Hintersinn keinen Wert legt, Spannung pur, in satter Bier-und-Chips-Breitwandoptik. Farblich ist alles ordentlich sortiert: sonnendurchflutete Berlin-Szenen in Honigkuchengelb, das Zartbitterdunkel der „Joshua“-Turmgesellschaft und bläuliche Bilder aus einem abgerissenen Minotaurus-Labyrinth mit angeketteter Stieftochter.

          Jede der Figuren stolpert bis zum erstaunlich kümmerlichen Showdown über ihr eigenes Klischee. Nur eine Gestalt zeigt, wie schön überzogen man das Stolpern spielen kann: Armin Rohde als hartgesottener, schwerreicher Anwalt des Helden scheint sich in seiner Clownerie auch über die plumpe Andichtung von Yacht und Ferrari lustig zu machen. Vielleicht versucht man es das nächste Mal lieber in einem anderen Genre, was Erotisches vielleicht, weil: Thriller stürzen so leicht ab in Deutschland.

          „Das Joshua-Profil“, Karfreitag, 20.15 Uhr auf RTL

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